Berlin : Die Wahl-Rentnerin

22400 Freiwillige zählen am 22. September Stimmen aus. Margarete Domnick dürfte die Älteste von ihnen sein. Die 85-Jährige freut sich auf die 15-Stunden-Schicht von sieben Uhr früh bis kurz vor Mitternacht

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Von Stefan Jacobs

Margarete Domnick horcht in sich hinein. Aber noch weiß sie nicht, wo es am meisten kribbeln wird. Vielleicht im Bauch? Doch da spürt sie noch nichts. Bloß ihre Finger zappeln schon jetzt, gut vier Wochen im Voraus. „Ja, das Kribbeln ist das Schönste“, sagt sie und lächelt, als rede sie über Weihnachten mit ihren Enkeln und nicht über den langen Sonntag im Wahllokal. Um sieben Uhr früh wird sie am 22. September in dem Restaurant am Sternplatz in Wedding erscheinen, damit pünktlich um acht alles vorbereitet ist. Dann wird sie den Wählern die Unterlagen geben und beobachten, wer kommt, ob er gut gelaunt ist oder missmutig, selbstbewusst oder verschüchtert und – besonders spannend – wie lange jeder Einzelne in der Wahlkabine bleibt. Wenn bei der Auszählung am Abend nichts durcheinander kommt, dürfte gegen 22 Uhr alles erledigt sein. „Aber dann trennt man sich ja auch nicht gleich.“ Schon gar nicht, wenn, wie beim vorigen Mal, die Frau des Wahlvorstehers noch einen Kuchen vorbeibringt.

In ein paar Tagen feiert Margarete Domnick ihren 85. Geburtstag. Sie dürfte die älteste der 22 400 Berliner Wahlhelfer sein, vermutet der Landeswahlleiter – und schiebt eilig hinterher, dass man so alte Leuten niemals zu einem derartigem Einsatz überreden würde. Frau Domnick bestätigt das gern. Aber warum sollte sie, die schon bei den letzten drei – oder waren es vier – Bundestagswahlen mitgeholfen hat, nicht alle vier Jahre mal der Demokratie einen Gefallen tun?

Die andere Frage ist, warum sich eine Frau mit 85 einen 15-Stunden-Tag antut. „Warum nicht“, fragt Margarete Domnick, die sich keine Sorgen um ihre Kondition macht. Eine Mittagspause will sie sich schon gönnen, aber was sie da essen wird, hat sie sich noch nicht überlegt. Es muss jedenfalls keiner von diesen ausgeklügelten Sportlerriegeln sein. Und Getränke, die Flügel verleihen, braucht sie auch nicht, solange sie ihren Spazierstock in Reichweite hat. Sie freut sich nicht nur auf die vielen Leute am Wahltag, sondern auch aufs Zählen: Ab 18 Uhr wird mit den Stapeln auch das Kribbeln wachsen. Sie kennt das von früheren Wahlen. Als alte Sozialdemokratin behält sie den SPD-Stapel besonders genau im Auge. Aber wenn ein anderer höher wird, ist das auch in Ordnung: Frau Domnick sieht das nicht mehr so verbissen. Daran liegt es wohl überhaupt, dass sie sich so gut fühlt: Immer möglichst genau hinschauen und sich nicht ärgern, wo Ärgern ohnehin nicht hilft. Es hilft ja fast nie was, sagt sie. Und deshalb ärgert sich Margarete Domnick auch nur ganz selten.

Seit 1950 wohnt sie in Wedding. Seit sie Rentnerin ist, erreicht man sie zu Hause schwer. Sie hat immer etwas vor, und auf ihren Wegen wird sie leicht aufgehalten: Mal bleibt sie stehen, um ein Baby zu betrachten, das im Tragetuch an der Brust der Mutter schläft. Dann wieder pfeift sie einem Hund hinterher und irritiert damit den Besitzer, der gar nicht gemeint war. „Rentner kommt von rennen“, sagt sie im Weitergehen. Sie unternimmt regelmäßig Rundfahrten mit der BVG, um nichts zu verpassen. Neulich war sie im Zoo, und nach dem großen Regen ist sie zur Panke gewandert, um nach dem Wasserstand zu schauen. „Erst bin ich wegen einer Riesenpfütze gar nicht rangekommen, aber dahinter luden zwei Bauarbeiter gerade so einen Minibagger vom Lkw. Die haben mir die Rampe gleich über die Pfütze gelegt und gesagt: ,Bitteschön, junge Frau!’ “

Hätten die Bauarbeiter mehr Zeit gehabt, hätte die junge Frau ihnen vielleicht von den Ruderpartien mit ihrem Enkel erzählen können. Oder von ihrem Nachbarn, der immer die Musik so laut dreht: „So jung und schon so schwerhörig. Aber wenn ich vom Einkaufen komme und meinen schwer beladenen Rentnerporsche hinter mir herziehe, fragt er mich oft, ob er ihn mir die Treppe hochtragen soll. Ich bin dann immer zu schüchtern, um Nein zu sagen.“ Sie hätte auch von ihrem Mallorca-Trip berichten können, auf dem sie einen anderen Touristen so nett grüßte, dass aus dem Gruß ein Gespräch und daraus eine Freundschaft wurde. „Später haben wir zusammen am Ufer gesessen und die schönsten Arien gesungen“, erzählt sie, die ihren Mann 1938 im Chor kennen gelernt hatte. Seit mittlerweile 32 Jahren ist sie Witwe. Das Schöne an ihrem Alter sei, dass sie nun auch Männer unbefangen ansprechen könne, sagt sie.

Margarete Domnick verbreitet keinen lauten Frohsinn, aber einen intensiven. Ein bisschen wie in dem Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“. Nur, dass bei Amélie die Vögel die ausgestreuten Körner auf dem Montmartre picken, während sie bei Frau Domnick vor dem Fenster im Weddinger Kiez landen. „Das gibt ein herrliches Trommelkonzert, wenn sich drei Spatzengenerationen auf einem Blechfensterbrett versammeln.“ Während der Urlaubszeit beherbergt sie Nachbars Katze – und schreibt Tagebuch in deren n. Denn sie findet, dass auch Katzen ein Recht auf Memoiren haben.

Um sich selbst macht sie sich wenig Sorgen. Ab und an geht sie zum Arzt, „denn der will ja auch leben“. Ansonsten lebt sie nach dem Motto ihrer Mutter: „Tue Recht und scheue niemanden!“

Im September also die Wahl. Margarete Domnicks Großeltern waren Sozialdemokraten, die Eltern auch, sie selbst ist seit 76 Jahren dabei: Kinderfreunde, Jungfalken, Rote Falken, Sozialistische Arbeiterjugend, SPD. Heute ist sie zum Wahlkampfauftakt mit dem Kanzler auf dem Gendarmenmarkt eingeladen. Natürlich geht sie hin. Schon, weil sie noch immer nicht genau weiß, was sie von Gerhard Schröder halten soll. Am Lamento mancher alter Genossen, denen seine neue Mitte unheimlich ist, beteiligt sie sich nicht. Stattdessen macht sie es wie gewohnt: dabei sein, genau hinschauen und alles nicht unnötig schwer nehmen. Sie findet ihr Leben auch ohne die große Politik aufregend genug. Ihre Stimme hat sie schon per Briefwahl abgegeben. „Jetzt kann der Sensenmann kommen“, hat Margarete Domnick gesagt, nachdem sie den Umschlag eingeworfen hatte. Dann hat sie gelächelt. Sie weiß ja selbst am besten, dass sie gar keine Zeit hat für den Sensenmann.

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