Berlin : Die Wahlgewinner

Für sie ist das Rennen schon gelaufen: Wie Berliner Firmen vom Kampf um die Stimmen profitieren

Lars von Törne

In einer Ecke liegt Klaus Wowereit, stapelweise. Neben ihm füllt Harald Wolf ein Regal, mehrfach gefaltet. Und gegenüber lehnt Martin Lindner an der Wand, auf dem Kopf stehend. In dieser alten Lagerhalle in Hohenschönhausen sind Dutzende Kandidaten für die Abgeordnetenhauswahl versammelt, zumindest ihre zweidimensionalen Abbilder. Einst war die Halle ein Tanzsaal, heute stapeln sich Poster, Plakathalter und große Stellwände bis unter die Decke.

Die Räume sind das Herzstück eines Unternehmens, dessen Geschäft darin besteht, bei Wahlen zu gewinnen, egal wer am Schluss der politische Wahlsieger ist. „Mihai“ heißt die Firma. Ihr Name ist nur Insidern bekannt, aber das Ergebnis ihrer Arbeit sieht in diesen Tagen jeder Berliner: Ein Drittel der Wahlwerbung, die in der Stadt zu sehen ist, geht auf die eine oder andere Weise auf das Konto seines Unternehmens, sagt Geschäftsführer und Namensgeber Mihai Danzke (45). Seit 15 Jahren ist er im Geschäft, inzwischen beschäftigt er zehn Leute.

Rund vier Millionen Euro lassen sich die Berliner Parteien den Wahlkampf fürs Abgeordnetenhaus kosten. Der Großteil geht in die freie Wirtschaft, vor allem für die Plakate, Anzeigen und sonstige Werbekosten. Zwar leisten den Großteil der Wahlkampf-Arbeit nach wie vor zahllose Freiwillige, die in der Freizeit für ihre Parteien Plakate aufhängen und Werbung verteilen. Daneben hat sich jedoch eine Dienstleistungsbranche etabliert, für die der Urnengang ein einträgliches Geschäft ist. Mindestens ein gutes Dutzend Kreativagenturen, Druckereien, Werbemittelhersteller und andere kleine und mittlere Unternehmen profitiert davon, dass die Berliner am 17. September ihre Stimme abgeben. So hilft die Politik einer Branche, die immer noch dabei ist, sich von den krisenhaften Jahren nach 2001 zu erholen.

Mihai Danzkes Dienstleistung nennt sich Mediaservice. Das heißt, er und sein Team kümmern sich in Kooperation mit anderen Firmen um alles, was zur politischen Außenwerbung gehört und bieten den Parteien einzelne Leistungen oder gleich ein Paket an: Vom Druck der Plakate und dem Aufziehen auf Stellwände über die Anmeldung von Werbemaßnahmen bei den Behörden bis zum Austauschen beschädigter Poster. Die politische Kundschaft, die aus allen fünf großen Parteien besteht, macht zwar aufs Jahr gerechnet nur einen kleinen Teil des Umsatzes von Mihai Danzke aus. Dennoch gehören Wahlkämpfer zu seinen Lieblingskunden: „Sie zahlen immer zu 100 Prozent“, erzählt der Chef beim Rundgang über das Firmengelände am Rande des Volksparks Prenzlauer Berg. Insolvenzen muss er hier kaum befürchten. Neben den Politik-Kampagnen in der Hauptstadt hat er mit Hilfe von Subunternehmen bereits bei diversen anderen Wahlkämpfen mitgemischt, von Schleswig-Holstein bis Bayern.

Die Konkurrenz ist regional ähnlich flexibel. Die Firma Inovisco zum Beispiel prägt das Berliner Stadtbild in diesen Tagen ähnlich stark wie Mihai – und das, obwohl sie eigentlich in Köln sitzt. Ihre Nische: Die sogenannten Flexiplex-Poster, also wetterbeständige Kunststoff-Hohlkammer-Plakate, die vor zweieinhalb Jahren in Deutschland eingeführt wurden. Damit arbeitet inzwischen auch die Konkurrenz, aber Inovisco sieht sich als Marktführer: Zwei von drei Plastik-Plakaten stammen von seiner Firma, sagt Geschäftsführer Alexander Houben. Sein 20-Personen-Unternehmen ist ein Dienstleister rund ums Poster: Produzieren, Plakatieren – und nach der Wahl gehen die Plakate ins Recycling. Die Idee der in einem Durchgang hergestellten Plakate sei im Außenwerbe-Markt „eingeschlagen wie eine Bombe“. Zunehmend ersetzen die Plastik-Poster die klassische Kombination aus Hartfaser und Papier.

Die Kunden sind Parteien, Zirkusse, Reiseveranstalter, aber auch Großkunden wie die Bahn AG – „eben alle, deren Plakate wochenlang gut aussehen sollen“, sagt Houben. Wahlkämpfe sind für ihn nur „ein nettes Zusatzgeschäft“. Von der Krise der Werbebranche spüre seine Firma nichts: „Bei uns geht es bergauf, weil wir eine Nische besetzen.“ Mit anderen spezialisierten Produkten wie den „Bodyboards“, tragbaren und beleuchteten Reklametafeln, wächst das Unternehmen, konkrete Zahlen gibt man aber – wie auch die Konkurrenz – nicht heraus.

In der Druckerei Bunter Hund in Prenzlauer Berg freut man sich vor allem über den Zeitpunkt der Wahl: „Juli und August sind sonst unserer flauen Monate“, sagt Co-Geschäftsführer Roland Paulick. Da kommt der 17. September gerade recht. „Die Wahl hilft uns, über die Runden zu kommen und ist Gold wert in dieser Zeit, in der wir sonst Miese machen würden.“ Er und seine zwölf Mitarbeiter drucken alle kleineren Plakate der Linkspartei/PDS, dazu Parteiprogramme, Broschüren und andere Werbepapiere für die Sozialisten. Zu früheren Wahlkämpfen waren auch SPD und Grüne unter den Kunden, dazu kommen die Gewerkschaften. Etwa ein Viertel der gesamten Aufträge kommt von politischen Kunden.

Auch wenn der Wahlkampf ein relativ krisensicheres Geschäft ist, spüren die davon profitierenden Unternehmen den wachsenden Konkurrenzkampf in der Werbebranche. Der Preisdruck zwinge sie, seit Jahren sinkende Gewinne durch Mehrarbeit zu kompensieren, sagt Mihai Danzke. Genug zu tun gibt es in diesen Wochen auf jeden Fall: „Wir ziehen hier jeden Tag zehn, zwölf oder mehr Stunden durch“, sagt Danzke, während neben ihm zwei Mitarbeiter Plakate von Linkspartei-Spitzenkandidat Harald Wolf auf eine große Stellwand kleben. An einer Wand von Danzkes Lagerhalle hängt ein Plakat für die Dreigroschenoper im Admiralspalast. Es weist auf einen seiner Kultur-Kunden hin, andere sind der Friedrichstadtpalast oder die Show „Stars in Concert“. Auch wenn sie bis zum 17. September und darüber hinaus für Berlin im Einsatz sind, haben die professionellen Wahlwerber die Abgeordnetenhauswahl in Gedanken schon fast hinter sich gebracht: Hinter den Kulissen laufen bereits die ersten Gespräche über die Bundestagswahl 2009.

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