Berlin : Die Wahlverlierer stehen fest

Hunderten Mitarbeitern von Bundestagsabgeordneten droht nach dem 18. September Arbeitslosigkeit

Marc Neller

Es ist der letzte Abend einer bisher traumhaften Woche, die Sandy Wygand mit ihrem Mann und dem anderthalbjährigen Sohn in einem kleinen Badeort an der Costa Blanca verbracht hat. Ihr Mann schaltet den Fernseher ein, will nur eben wissen, wie die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen ausgegangen ist. Da sagt der Moderator: „Müntefering kündigt vorgezogene Neuwahlen an.“ Sandy Wygand versteht sofort, was das heißt: Möglich, dass sie nach dem 18. September arbeitslos ist. Tags darauf fliegt sie zurück nach Berlin, ein paar Tage später hat sie Gewissheit: Ihre Chefin, die Thüringer SPD-Bundestagsabgeordnete Christine Lehder, kandidiert nicht mehr.

Sandy Wygand, braune halblange Haare, schlank, ist 32 und seit sechs Jahren Leiterin des Büros der Abgeordneten Lehder. Sie hat einen für den Bundestag typischen Werdegang: Studium – Soziologie und Psychologie –, Praktikum im Bundestag, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Büroleiterin. Jetzt ist sie eine von vielen, die durch die vorgezogene Wahl ihre Stelle zu verlieren droht.

Bis zu 2100 Referenten, Sekretärinnen und andere Mitarbeiter der Abgeordneten könnten ab Herbst arbeitslos werden, schätzt die Arbeitsagentur in Mitte. Die Behörde schickt deshalb in diesen Tagen ihre Berater in das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, um die Bundestagsmitarbeiter aufzuklären. In der Agentur heißt es: „Das ist nichts Besonderes. Das tun wir immer, wenn in einer größeren Firma viele Arbeitsplätze verloren gehen.“

Die Bundestagsmitarbeiter, deren Nachnamen mit A bis L beginnen, wissen jetzt Bescheid – so gut es geht. Ihnen haben die Arbeitsberater in der vergangenen Woche erklärt, dass sie sich arbeitsuchend melden müssen: „Unverzüglich nach ihrer Kenntnis vom Beendigungszeitpunkt ihres Versicherungsanspruches“, so steht es im Dritten Buch des Sozialgesetzbuchs. Arbeitslos melden müssen sie sich außerdem. Die Agentur kann sonst die Ansprüche um bis zu 1500 Euro kürzen. Es gab einige Verwirrung, der vielen Wenns und Abers wegen: „Keiner weiß derzeit, ob und wann der Bundespräsident den Bundestag auflöst“, sagt Sandy Wygand. „Und wenn er es tut: Wann gibt es Neuwahlen?“ Voraussichtlich am 18. September. Aber bleibt es dabei?

Für viele der Bundestagsmitarbeiter wären die Fristen, die für Arbeitnehmer gelten, gar nicht mehr einzuhalten. Also gibt es Sonderregelungen. Der Bundestag hat ein Rundschreiben in die Büros geschickt. Wenn Bundespräsident Horst Köhler tatsächlich in ein paar Wochen den Bundestag auflöst, bleiben Sandy Wygand sieben Tage, um sich arbeitsuchend zu melden. Andere Mitarbeiter, deren Abgeordnete kandidieren, aber nicht wiedergewählt werden, haben bis eine Woche nach der Wahl Zeit.

Sandy Wygand sagt: „Es wird nicht so kommen, dass hier 2100 Menschen ihre Arbeit verlieren. Das ist Panikmache.“ Ihr Telefon klingelt. Eine Kollegin erkundigt sich, was zu tun sei. „Nein, vorerst keine anderen Unterlagen“, sagt Sandy Wygand. „Nur diesen Bogen“ – ein Bewerbungsblatt für die fraktionsinterne Jobbörse. Das entscheidende Wort auf dem Bogen ist „Hauserfahrung“. Wer hinter Hauserfahrung ein Kreuzchen machen kann, darf hoffen, von einem neuen Abgeordneten übernommen zu werden. „Gerade die neuen Abgeordneten brauchen Mitarbeiter, die sich hier auskennen und denen die Abläufe vertraut sind“, sagt Wygand. So wie es derzeit aussieht, haben die Mitarbeiter von CDU-Abgeordneten die besseren Karten.

Sandy Wygands Familie lebt hauptsächlich von dem Geld, das sie verdient. „Wir müssten uns schon deutlich einschränken.“ Aber sie ist jung, sie wird was anderes finden, sagt sie. Sie macht einen nachdenklichen, aber keinen verzweifelten Eindruck.

Aber es gibt andere Fälle. In der Kantine beim Mittagessen „gibt es kaum noch ein anderes Gesprächsthema“, sagt eine allein erziehende Mutter. Bisher verdient sie sehr gut, aber sie wird ihren Arbeitsplatz verlieren. „Keine Ahnung, wie’s weitergeht“, sagt sie. Oder die kampferprobte SPD-Frau, um die 50, die seit fast zwanzig Jahren im Bundestag arbeitet und sich gar nichts anderes mehr vorstellen kann. Jetzt hat sie Angst. Ihr Abgeordneter wird es schwer haben, noch einmal in den Bundestag gewählt zu werden, da macht sie sich keine Illusionen. Muss er gehen, ist auch sie weg vom Fenster. Oder eine andere Bürokraft, Akademikerin, auch sie um die 50. Sie wird „auf jeden Fall erst mal arbeitslos sein“. Sie ärgert sich, dass Boulevardzeitungen über die Bundestagsmitarbeiter geschrieben haben, diese würden sowieso weich fallen. „Ich zum Beispiel habe keine Ansprüche auf Übergangsgeld, das das Arbeitslosengeld noch vier Monate lang aufbessern würde.“ Dafür ist sie nicht lang genug dabei, zwei volle Legislaturperioden wären nötig. Sie fühlt sich jung genug, noch etwas zu bewegen – und erfahren genug, um eine wertvolle Hilfe zu sein. „Nur interessiert das leider niemanden.“ Sie fürchtet, es könnte noch schlimmer kommen. Auch der Job ihres Mannes ist nicht mehr sicher.

Viele, mit denen man spricht, stecken in einem unlösbaren Zwiespalt. Das Hirn sagt: Ohne Neuwahlen würde sich für ein Jahr nichts mehr bewegen. Der Bauch sagt: Ohne Neuwahlen hätten wir einen sicheren Arbeitsplatz, mindestens noch ein Jahr länger.

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