Berlin : Die Wandlung der Waldschrate

Die Grünen waren einst frech und radikal. Heute gelten sie als fleißig und bürgernah. Das ergibt eine Forsa-Umfrage, die von der Partei in Auftrag gegeben wurde

Sabine Beikler

Joschka Fischer warf Steine, Dieter Kunzelmann hat lieber mit Eiern geworfen. Legendär sein Auftritt vor Gericht, wo das einstige Mitglied des Grünen-Vorläufers Alternative Liste (AL) ein Ei direkt auf das Haupt des früheren Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen platzierte – mit den Worten: „Frohe Ostern, du Weihnachtsmann“. Aber es gab auch härtere Kaliber, gewaltbereite Aktivisten der AL während der Hausbesetzerbewegung Anfang der achtziger Jahre. Erst 1987 wurde die Gewaltfrage anlässlich des Besuchs des US-Präsidenten Ronald Reagan in der AL endgültig geklärt: Steine werfen nein, an Demonstrationen teilnehmen, auch wenn dort andere gewalttätig werden, ja.

Aus der „Igel-Partei“, die 1981 unter lautem Siegesgeschrei und völliger Missachtung der „bürgerlichen“ Parteien das erste Mal ins Abgeordnetenhaus einzog, ist eine verantwortungsbewusste, soziale, zukunftsorientierte, bürgernahe und fleißige Partei geworden: So sieht das zumindest die Mehrheit aller Berliner. Und selbst die eigenen Grünen-Anhänger mögen ihre Partei nicht mehr als „frech“ oder „schillernd“ bezeichnen. Dieser Image-Wandel ist das Ergebnis einer am Dienstag vorgestellten, repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Forsa im Auftrag der Grünen.

Vor 20 Jahren war Basisdemokratie das A und O der Partei: Alle zwei Jahre mussten die Parlamentarier „rotieren“, damit ihr Bewusstsein nicht zu sehr von der realen Politik „verdreht“ wurde. Weil die AL, aus der 1992 die Bündnis-Grünen wurden, zunächst ohne Geschäftsführer, ohne Pressesprecher arbeitete, habe man „einfach alles“ gelesen, alle Anträge, erinnerte sich einmal Michael Wendt, damals Fraktionsmitglied und Parteimitglied mit der Nummer 001. Man war für eine autofreie Innenstadt, gegen Immobilienspekulationen, gegen Abschiebungen, gegen die Rodung des Tegeler Forsts, gegen Vermummungsverbote auf Demos – einfach gegen vieles, was der „herrschenden Meinung“ entsprach. Links und ökologisch sein: Das war lange Jahre das Credo der Partei. Vor zwölf Jahren noch warnte die überwiegende Mehrheit der Berliner „Fundis“ vor einem Wandel zu einer autoritären und hierarchischen Partei. Begründung: Der „emanzipatorische Charakter“ gehe verloren.

Heute dagegen zählen sich laut Umfrage 71 Prozent aller Grünen-Anhänger zu den „Realos“, 13 Prozent zu den „Fundis“ und 16 Prozent liegen irgendwo dazwischen. Allerdings: Man zählt sich noch zu den „Linken“ – und weiterhin wählen deutlich mehr „Postmaterialisten“, wie Forsa-Chef Manfred Güllner sagte, die Grünen: Menschen also, die Parteien mehr nach Werten wie Frieden, Demokratie oder Solidarität und nicht nach steuerpolitischen Aspekten wählen.

Das, was die Grünen aber bisher nicht ablegen konnten, ist ihre überwiegende Außen-Wahrnehmung als „Öko-Partei“. Wolfgang Wieland, AL-Mitbegründer und ein „alter Hase“ in der Berliner Politik: „Wenn man als Waldschrat verwurzelt ist, bleibt das als Markenzeichen.“ Auch wenn die Fraktion auf vielen anderen Gebieten gute Oppositionsarbeit leistet: Die Wähler erwarten laut Umfrage deutlich mehr Grün in der Wirtschaftspolitik, der Hochschulpolitik und der Finanzpolitik. Um aus dem Dilemma herauszukommen, sehen die Fraktionschefs Sibyll Klotz und Volker Ratzmann nur eine Möglichkeit: „Weitermachen und unser Profil noch mehr schärfen.“

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