Berlin : Die Wandlung der Wandlitzer

Sie waren gegen das Asylbewerberheim. Doch dann begrüßten sie die Flüchtlinge mit Kaffee und Kuchen. Jetzt basteln sie mit den Kindern, unterrichten Deutsch, spenden Möbel. Was ist geschehen?

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Mathis Oberhof hatte keine Chance. Weil er sie couragiert nutzte, kann Magomed jetzt Fahrrad fahren. Der Neunjährige muss zwar noch einige Schrauben nachziehen, die Klingel festschrauben und das Schutzblech geradebiegen, aber das kriegt er mithilfe der Leute hier hin.

Magomed spricht schon ein wenig Deutsch. Vor knapp einem Jahr sind seine Eltern aus Tschetschenien geflohen, um in Deutschland Asyl zu beantragen. Magomed und seine Geschwister haben alle Freunde, vor allem aber die Fußballkameraden zurücklassen müssen.

Die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Eisenhüttenstadt, wo Magomeds Familie einige Monate lebte, war voll belegt – es gab zu viele Asylbewerber und zu wenig Plätze. Hier ist es anders. Magomed weiß zwar nicht genau, wo dieses Wandlitz liegt, aber er hat die Augen seiner Mutter strahlen sehen, als sie nach dem Umzug ins frisch renovierte ehemalige Azubi- Wohnheim die sauberen Zimmer, Küchen und Toiletten betrat. Und er hat entdeckt, dass hier auch Kinder Fußball spielen. Mit den Rädern könnten er und seine Brüder zum Training fahren.

Magomed reicht dem großen blonden Mann, der beim Reparieren hilft, den Schraubenschlüssel. Mathis Oberhof beugt sich zu dem Kinderrad hinab, versucht den Sattel höherzustellen. Nie hätte der 62-Jährige gedacht, dass seine Rede auf der Einwohnerversammlung Anfang November vergangenen Jahres solche Auswirkungen haben würde.

Geredet hat der Frührentner eigentlich nur aus Ärger. Weil er selbst fast unterschrieben hätte, als eine Bürgerinitiative in der Gemeinde Wandlitz, zu der sein Heimatort Basdorf gehört, Unterschriften sammelte: für eine menschenwürdige dezentrale Unterbringung von Asylbewerbern im Barnim. „Da konnte man ja kaum dagegen sein“, sagt Oberhof. Dann aber erfuhr er von der evangelischen Pfarrerin Janet Berchner, „dass das nur der als humanistisch getarnte Versuch war, ein Asylbewerberheim in Wandlitz zu verhindern“. Darüber ärgerte sich Oberhof so sehr, dass er sich seither engagiert.

Die Unterschriften wurden auf besagter Einwohnerversammlung an den Landrat von Barnim, Bodo Ihrke, übergeben. Auch der erklärte den Bürgern, dass Einzelunterkünfte für neu angekommene Flüchtlinge ohne Sprachkenntnisse nicht optimal sind, aber das überzeugte die Wandlitzer nicht. „Sie hatten Angst vor Fremden, vor steigender Kriminalität, um den Wert ihrer Grundstücke“, sagt Mathis Oberhof. „Ich wusste, dass sie mich auspfeifen würden, aber ich musste einfach Stellung beziehen.“ Oberhof erzählte den anderen Bürgern, wie viele Flüchtlinge beim Versuch, nach Europa zu gelangen, ihr Leben verlieren. Und dass seine Großeltern nach dem Krieg selbst Flüchtlinge waren, denen die Türen verschlossen blieben.

Doch die meisten Anwesenden wollten das nicht hören; sie buhten und riefen: „Aufhören!“ Oberhof hatte keine Chance. Nach einigen Minuten bat er erschöpft darum, einfach nur zu Ende reden zu dürfen. Die Bitte war eigentlich aussichtslos, vielleicht rührte sie gerade deshalb einige im Saal. „Lasst den doch reden“, sagten ein, zwei Leute. Und plötzlich riefen immer mehr: „Lasst den ausreden!“

Es war längst nicht die Mehrheit im Saal, aber es reichte: Mathis Oberhof konnte zu Ende reden und als er fertig war, gab es sogar ein wenig Beifall und manche klopften ihm auf die Schultern.

Zu Hause stand sein Telefon nicht mehr still. „Was können wir tun?“, fragten die Anrufer. Oberhof verwies sie an den „Runden Tisch für Toleranz“, den Pfarrerin Berchner initiierte. Der rief die Einwohner zu Möbel-, Kleider-, Spielzeug- und vor allem Fahrradspenden auf und entwarf Plakate, auf denen in 14 Sprachen „Willkommen“ stand.

Die Plakate hängen jetzt an verschiedenen Stellen im Ort, den Kirchen, der Grundschule und natürlich im Asylbewerberheim. Als die ersten Bewohner am 3. Januar eintrafen, waren sie nicht nur davon überrascht. Die Wandlitzer empfingen sie auch mit Kaffee und Kuchen – und mit dem Versprechen, zu helfen.

Bisher haben sie das Versprechen gehalten. Die Halle, in der Magomed sein Fahrrad zusammenbaut, ist gut gefüllt mit Spenden. Mathis Oberhof erzählt von einer alleinerziehenden Mutter und Hartz-IV-Empfängerin, die tagelang Kindersachen wusch und bügelte und sogar den Lieblingsstoffhund ihres Sohnes dazulegte. „Für die Negerkinder“, habe sie auf die Spende geschrieben, sagt Oberhof: „Politisch korrekt war das natürlich nicht, aber es kam von Herzen.“

Ein Rentner-Ehepaar kommt jede Woche für mehrere Stunden ins Heim. Während der Mann mit den Erwachsenen in die Fahrradwerkstatt geht, liest seine Frau den Kindern Geschichten vor und bastelt mit ihnen, bringt ihnen spielerisch Deutsch bei. Dass sie früher in der DDR Russisch gelernt hat, erleichtert die Verständigung – die meisten der 14 Kinder sind Tschetschenen, die Russisch verstehen.

62 Asylbewerber leben insgesamt hier, aus Pakistan, Irak, Iran und Kenia. Das jüngste Kind, ein Vietnamese, ist gerade geboren, zwei Kleinkinder kamen mit ihrer Mutter aus Kamerun. Die Mutter, selbst noch ein halbes Kind, freut sich sehr über ihr Fahrrad. Sie hat sich mit Schülerinnen des Wandlitzer Gymnasiums angefreundet. Die sprechen wie sie Französisch und können sehr gut verstehen, dass die Frau aus Kamerun geflüchtet ist, weil sie mit einem sehr alten Mann zwangsverheiratet werden sollte.

Eine andere junge Frau aus Kamerun musste ihre drei Kinder zurücklassen. „Meine Kleinste hat morgen Geburtstag“, sagt sie und hält mühsam die Tränen zurück. Dann holt sie ein Schreibheft aus dem Zimmer und läuft ins zweite Obergeschoss. Im Klubraum gibt ein junger Referendar ehrenamtlich Deutschunterricht. Fast alle sind gekommen, auch die älteren Kinder. Eine Tschetschenin spricht so eifrig deutsche Vokabeln nach, dass sie gar nicht bemerkt, wie ihr Kopftuch verrutscht. Viele Männer haben sich frisch gebügelte Hemden angezogen.

„Die wollen unbedingt Deutsch lernen“, sagt Heimleiterin Petra Stabenow. Das sei wichtig, um Missverständnisse zu vermeiden. So glaubten viele, dass die Räder ihnen allein gehörten. „Etwas Eigenes zu haben, wäre für sie wichtig, aber so viele Räder haben wir nicht“, sagt Mathis Oberhof. Er hofft, dass im Frühling weitere Räder gespendet werden.

Dann wollen die Helfer auch Treffen mit den Wandlitzern organisieren. Je besser man sich kenne, desto geringer sei die Gefahr, dass bei Vorfällen gleich alles infrage gestellt werde, sagt Mathis Oberhof. „Auch bei Flüchtlingen gibt es schwarze Schafe. Wenn einer von ihnen beim Stehlen erwischt würde, sollte das nicht alles kaputt machen.“ Manche Einwohner seien nach wie vor skeptisch. So habe noch zu Jahresbeginn ein Fußballtrainer gesagt: „Wenn hier Ausländer auftauchen, bin ich weg.“

Inzwischen trainieren einige Flüchtlingskinder im Polizeisportverein mit. Vielleicht ist bald auch Magomed dabei.

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