Berlin : Die Wasserwand des Dr. Caligari

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An diesem Sonnabend darf es einfach nicht regnen. Wann wird schon mal ein Film, dazu ein in Berlin gedrehter Klassiker wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“, auf eine Wasserwand projiziert? Wasser von unten und von oben aber wäre eindeutig zu nass. Heute um 21 Uhr soll der Caligari-Abend auf dem Platz vor der Brotfabrik in Weißensee, Prenzlauer Promenade 3, beginnen, nach einstündigem Vorprogramm wird die „Wasserleinwand“ gen Himmel gesprüht. Die Tropfen fallen auf verschiedene Objekte, erzeugen so eine ganze Klangkulisse. Obendrein kann der Film von beiden Seiten der Wasserwand betrachtet und durchschritten werden. Schauspieler, die Caligari und die anderen Figuren darstellen, werden aus der Wand heraustreten, die Illusion real aufheben.

Anlass ist die Benennung des bislang nlosen, inoffiziell als Weißenseer Spitze bezeichneten Fläche vor der Brotfabrik als Caligariplatz. Seit Anfang letzten Jahres hat „Glashaus – Verein der Nutzer der Brotfabrik“ die Namensgebung betrieben, um den Winkel zwischen Heinersdorfer Straße und Prenzlauer Promenade namentlich mit dem 1919/20 in Weißensee gedrehten Stummfilm zu verbinden. Kommunalpolitisch ist längst alles abgesegnet, am 17. Juni lief die Frist für mögliche Einsprüche ab, und jetzt kann der Platz eigentlich so heißen. Wegen der vom Senat verhängten Haushaltssperre fällt ein öffentlicher Akt vorerst aus, die Brotfarik könne dies aber in Eigenregie selbst machen und Schilder aufhängen, sagte Stadtrat Martin Federlein, in Pankow für Stadtentwicklung zuständig.

Der Name Caligariplatz erinnert an eine heute fast vergessene Facette lokaler Geschichte. Weißensee war von 1914 bis zum Ende der Stummfilmzeit ein Zentrum der Filmwirtschaft. 1913 hatten sich an der Franz-Joseph-Straße (heute Liebermannstraße), mehrere Filmgesellschaften mit Studios angesiedelt. „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (Regie Robert Wiene) entstand im Glashaus des Lixie-Ateliers, Franz-Joseph-Straße 9-12, das von der Produktionsfirma Decla-Bioscop genutzt wurde. Der Film mit Werner Krauss, Conrad Veidt und Lil Dagover in den Hauptrollen hatte Premiere am 27. Februar 1920 im Marmorhaus am Kurfürstendamm. Im Filmmuseum am Potsdamer Platz ist ihm ein eigener Raum gewidmet. Die Geschichte um Irrsinn, Mord und Hypnose, um Machtmissbrauch und Größenwahn oder, wie es der Filmwissenschaftler Siegfried Kracauer in seinem Buch „Von Caligari bis Hitler“ deutete, um die Verführbarkeit der Deutschen durch die Macht, gilt als eines der herausragenden Werke der Filmgeschichte. Andreas Conrad

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