Berlin : Die Welt sah klar ins neue Millenium. Nur Berlin versank im Nebel (Glosse)

Moritz Rinke

Auf den Fidschi-Inseln sah man bunt gekleidete Menschen, die den berühmten Fidschi-Tanz tanzten. Auf Samoa ließen die Samoaner ihre Landes typischen Kanus zu Wasser und fuhren, bei guter Sicht, zu Tausenden eine symbolische Regatta in der Südsee. In der Schweiz sah man Menschen, wie sie mit selbst gebauten Archen auf Schweizer Flüssen ein Zeichen der Bewahrung setzten und ihre Eidgenossen von sichtbaren Ufern winkten. In Kalkutta, auf dem Flughafen von Dum Dum, nahm der Gouverneur bei guten Start- und Landebedingungen eine bengalische Flugparade ab. Am Times Square in New York sah man ohne Smogalarm in einen Himmel voller Musik, Licht und Konfetti, in Paris brannte klar und deutlich der Eiffelturm, "ein Fest für Geist und Sinne", wie Präsident Chirac abschließend erklärte; in Rio de Janeiro Sternen klarer Himmel über der erleuchteten Copacabana, gleiches gilt für die italienische Riviera, für Sydney, Tokio, Wien, Dakar, Kiribati, Las Palmas, Stockholm und Oslo. Nur in Berlin: NEBEL. Tempelhof, Tegel, Tiergarten, Mitte - Sichtweiten um 150 Meter und weniger. In Rom konnten die Menschen vom Corso klar und deutlich den Papst auf dem Petersdom erkennen, in Kairo waren es eindeutig Pyramiden, in Moskau der Kreml, um den die Menschen tanzten, sogar auf Island, bekannt für extrem schwierige Sichtverhältnisse, sah man die illuminierten Geysire, jene berühmten isländischen Springquellen, aus der Erde schießen, und auch London feierte bei guter Witterung "A fantastic party around the millennium dome", wie die "Sunday Times" titelte. Nur in Berlin: NO QUADRIGA, NO SIEGESSÄULE, dafür aber die sogenannte "meteorologische Inversion". Kalte Luftschicht in Bodennähe bei gleichzeitiger Rauchentwicklung ergibt eine Inversion, das heißt dichter Nebel drückt Rauch nach unten, und dann hat man die Dunstglocke. Das passiert nicht oft, meistens bei Bombenangriffen in feuchten Kaltluft- gebieten.

Dumm gelaufen!

Was wurde nicht alles über die an der Siegessäule geplante Lichtshow "Art in Heaven" geschrieben! Am Ernst-Reuter-Platz, von wo aus man seit deren Umsetzung im Jahr 1938 die Siegessäule sehr gut sehen konnte, warteten zahlreiche Menschen auf "Art in Heaven" und drehten sich nach einer Weile irritiert um 180 Grad in Richtung Theodor-Heuss-Platz, wo allerdings auch keine Siegessäule stand.

Nun kann man ein total vernebeltes Fußballspiel, auch wenn Hertha gegen den FC Barcelona spielt, verkraften, schließlich gibt es noch andere lukrative Gegner oder Rückspiele. Aber was ist mit dem Millennium, was kommt denn da als Rückspiele??

In den politischen Gremien werden heute sicherlich die Berliner Feierlichkeiten auf Biegen und Brechen als großer Erfolg gewertet, man gewöhnt sich an alles im repräsentativen Bereich, am ehesten, wenn man ausnahmsweise gar nicht selber schuld ist. Was aber sollen nun die Menschen in Kalkutta, Samoa, Kiribati, abgesehen von den restlichen Metropolen, denken vom Millennium in Berlin, Germany? Deutschland ist ein verhangenes Land, in dem die Menschen gelbe, gut sichtbare Luftballons mit der Aufschrift "Deutsche Post AG" aufblasen und das auch noch ganz toll finden?

Na ja, Schweizer in Archen sind da irgendwie origineller.

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