Berlin : Die Werkstatt des Frohsinns

Vergnügen kann Knochenarbeit sein: Wie sich die Rheinische Karnevalsgesellschaft in Steglitz auf den großen Umzug an diesem Sonntag vorbereitet

Christian van Lessen

Manuela steht am Sonnabend im eisigen Wind vor der alten Bewag-Trafo-Halle an der Steglitzer Birkbuschstraße und bibbert. Da helfen auch die dicke Winterjacke und der rote Karnevalsschal mit dem Bandenburger Tor und dem Krönchen drauf wenig. Manuela schaut auf den Anhängeraufbau aus weißen Spanplatten, die aufgemalten tanzenden Bären, und stellt sich vor, dass sie da oben in ihrem festlichen Kostüm etliche Stunden stehen wird – am heutigen Sonntag.

Da muss wohl doch die dickste Strumpfhose her. „Hoffentlich scheint die Sonne, und der Wind ist nicht so kalt.“ Ihr Mann Christian reißt sie aus kurzen Träumen und ruft von der Halle aus: „Nimm mir ’nen Karton Kamelle ab.“ Manuela greift das Päckchen und steigt die ersten drei Holzstufen des Anhängers hoch, quält sich den engen Gang am breiten Aufbau mit dem eingebauten Plumpsklo vorbei und klettert vier weitere Stufen einer besseren Hühnerleiter hoch.

Dann ist sie wirklich ganz oben, hoch auf dem weißen Wagen des Berliner Karnevalsprinzenpaars, hat das Gefühl, Ihre Hoheit Prinzessin Manuela I. zu sein. Unter sich ein Volk von tausenden närrischen Untertanen.

Am Vortag aber steht Manuela Mewes nur hin und wieder oben, nur zur Probe. Um sich herum ein tristes Industriegelände. Vor allem muss sie mit ihrem Mann und Dieter Hildebrandt, dem Hofmarschall und Präsidenten der Rheinischen Karnevalsgesellschaft zu Berlin, kleine Päckchen mit Bonbons oder kleine Säcke mit Popcorn laden. Es geht um etliche Zentner. Das ist Knochenarbeit.

Und Manuela ist nur eine unter gut 50 Leuten aus der Narrenschar, die auf dem freudlosen Gelände am Teltowkanal einigen Wagen des heutigen Zugs den letzten Schliff geben. „Hier ist die Werkstatt des Frohsinns“, ruft jemand. In der alten Trafo-Halle hat die „Stadtgarde Rot-Gold“, einer von 24 Berliner Vereinen, das Zug-Quartier aufgeschlagen, gewährt auch dem Wagen des Prinzenpaars der „Rheinischen“ Starthilfe. Da wird noch an Luftballonen gebändelt, an Stellwänden gehämmert, hier und da etwas geschweißt und über die „Logistik“ der heutigen Fahrt verhandelt. Um sieben Uhr sollen die Zugmaschinen anrollen und die Wagen zum Einsatzort auf die Straße des 17. Juni ziehen, insgesamt rund 50 aus allen Ecken der Stadt.

Dort geht es kurz nach eins los über Dorotheenstraße, Linden und Gendarmenmarkt Richtung Rotes Rathaus. „Prinz und Prinzessin zu sein, ist das Größte“, sagen Manuela und Christian, der zu Christian I. geworden ist. Beide sind im Verein der Rheinischen, aber echte Berliner. Sie ist Angestellte einer Wohnungsverwaltung, er Monteur bei Siemens. Sie haben Jahresurlaub genommen, um über die rund 5000 Berliner Narren zu herrschen und dafür 240 Veranstaltungen zu besuchen. Beide glauben fest, dass sich Karneval in Berlin immer mehr etabliert, weil er sich, wie sie sagen, mit den Jahren aus den Sälen befreit und die Straße erobert hat. Werden nicht heute 700 000 an der Route erwartet, 200000 mehr als im letzten Jahr? „Die Zuschauer am Straßenrand könnten sich schon etwas mehr verkleiden“, sagt Manuela, die gerade die Züge in rheinischen Hochburgen vor Augen hat.

Der Prinzenwagen, sonst letzter Höhepunkt im Zug, soll vor dem Adlon stehen, von dort wollen die Hoheiten die schräg vorbeikommende Parade der Wagen abnehmen. Das macht sie stolz. Justizsenatorin Karin Schubert will wohl kurz hochklettern und von oben winken und Kamellen werfen.

Sie ist, wie Manuela und Christian versichern, „Freundin des Karnevals“. Was sie von Bausenator Peter Strieder nicht sagen wollen. Vor einem Jahr wurde er im Zug als Pappkamerad vorgeführt, weil er die ersehnte Durchfahrt durchs Brandenburger Tor verbot. Daran hat sich wieder nichts geändert, aber Strieder ist diesmal out, ohnehin will sich der Zug mehr mit lustigeren Motiven als der Berliner Politik beschäftigen. „Hier tanzt der Bär“ ist das Motto. Tanzen will das Prinzenpaar, immer wieder „Hei Jo“ rufen, lächeln und viel Süßes unters Volk werfen. Vermutlich werden die Hoheiten da oben auch ein wenig frieren. Zum Aufwärmen gibt es heißen Tee. Der Hofmarschall hat striktes Alkoholverbot verordnet.

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