Berlin : Die Wette gilt

Andreas Conrad

sondiert den Glamour des verflossenen Sozialismus Unser Udo hat es schon immer gewusst: Zwei Seelen, ach, sie wohnten auch in Honeckers Brust. Waren die 1983 entstandenen Zeilen aus dem „Sonderzug nach Pankow“ nicht geradezu prophetisch? „Och, Erich ey, bist Du denn wirklich so ein sturer Schrat? Warum lässt Du mich nicht singen im Arbeiter- und Bauernstaat?“ Bekanntlich ließ Erich den Udo kurz danach singen, sogar im Palast der Republik. Von da war es bis zu den jetzt bekannt gewordenen Plänen einer Palast-Revolution nur noch ein kleiner Schritt. Vermutlich waren es nicht nur Auslandsreisen, die in Honecker den Wunsch nach einem richtigen Schloss keimen ließen. Diverse Eröffnungswalzer mit Margot werden in ihm Begehrlichkeiten nach einer standesgemäßeren Kulisse, mithin einer glamouröseren Republik geweckt haben. Die Frage liegt nahe, wie er als oberster Vertreter des real existierenden Sozialismus auf die Herausforderungen der modernen Medienwelt reagiert hätte. Den Rummel um „Wetten dass…?“ kampflos dem Westen überlassen? Eher hätte er wohl Gottschalk in den Palast der Republik gelockt, mit einer Stadtwette, die auf unschlagbare Einschaltquoten hoffen ließe: In einer Stunde müssen 1000 Ost-Berliner vor dem Palast stehen, Tüten mit Gummibärchen schwenken und singen: „Honecker macht Kinder froh und Erwachsene ebenso.“

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