Berlin : Die wilden Kreuzberger Jahre hautnah miterlebt - Sozialarbeiter Charly Recke

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Die Frühlingssonne scheint, aber der Hof liegt im Schatten. In einer Ecke stehen ein paar bewohnte Bauwagen, in einer anderen liegt Gerümpel. Das Haus mit dem schmutzig-gelben Steinen auf der rechten Hofseite wirkt fast verlassen. Die Tür ist mit Graffiti übersät, ein zerbrochenes Fenster mit Klebeband geflickt. Es ist ruhig geworden um das Georg-von-Rauch-Haus. Vor fast 30 Jahren tobte um Berlins erstes besetztes Haus eine teils handgreiflich, teils politisch geführte Schlacht.

Charly Recke hat das alles miterlebt. Unter dem damaligen Sozialstadtrat Erwin Beck hat der Sozialarbeiter öfters mit den Besetzern verhandelt und auch einige von ihnen betreut. Der linke Sozialdemokrat Beck sympathisierte mit den Besetzern. "Beck hat seine schützende Hand über das Haus gehalten", erinnert sich Recke. Auch Charly Recke und viele seiner Kollegen fühlten sich damals mit den Besetzern solidarisch, konnten sie sich doch ebensowenig mit den Zuständen im damaligen Kreuzberg abfinden, das damals von einem heftigen Strukturwandel erschüttert wurde. Viele der alten Kreuzberger zogen in die Trabantenstädte wie die Gropiusstadt, die statt Kohleofen Gasheizung, statt dem Klo auf halber Treppe ein gefliestes Bad versprachen. In die leeren Altbauwohnungen zogen hauptsächlich Türken. "Die Naunynstraße galt als die kinderreichste, die Wiener Straße als die ärmste Straße Berlins", erzählt Recke. Außerdem ließen viele Hausbesitzer ganze Straßenzüge in der Hoffnung leerstehen, bei den berüchtigen Kahlschlagsanierungen teuren Wohnraum hochziehen zu können. In diese Lücken stießen Anfang der achtziger Jahre die Hausbesetzer, und Kreuzberg erwarb sich seinen Ruf als alternative Hochburg. Mancher Ex-Besetzer ist nach der "Legalisierung" seines Hauses heute selbst stolzer Hausbesitzer. "Das sind alles satte Bürger geworden", meint Charly Recke.

Auch er ist geblieben und kümmert sich um die sozial Schwachen, von denen es in Kreuzberg mehr denn je gibt. Den Kampf um ein besseres Kreuzberg sieht er aber nicht als vergeblich an. "Ohne die Bewegungen der 70er und 80er Jahre wäre es noch schlimmer gekommen", glaubt Recke.

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