Berlin : „Die wilden Tage sind vorbei“

Heute Abend spielen die Rockabilly-Veteranen Stray Cats in Berlin. Drummer Slim Jim Phantom über Coolness im Alter, Schlägereien und Tattoos

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Als Sie vor gut 20 Jahren zum ersten Mal nach Berlin kamen, gab es Schlägereien zwischen Rockabillys, Punks, Mods und anderen…

…ach ja, die guten alten Tage. Das gehörte damals bei vielen Auftritten dazu. Dabei fanden wir das immer albern, dass die Leute sich danach identifizierten, welchen Haarschnitt sie hatten und welche Klamotten sie trugen. Wir fanden die alle cool. Nach der Show sind wir damals noch durch ein paar Berliner Clubs gezogen. „Zoo“ hieß einer…

…Sie meinen wohl den „Dschungel“?

Ja, genau. Ich erinnere mich noch an einen Punk, der da rumlief. Der hatte auf der Schulter eine Ratte, die sich von den Erdnüssen an der Bar ernährte.

Sie haben lange nicht als Stray Cats zusammen gespielt. Was haben Sie die letzten Jahre so getrieben?

Ich habe zwei Nachtclubs in Los Angeles, die meine Zeit beanspruchen. Und ich habe Platten mit diversen anderen Musikern aufgenommen. Auch eine mit Lemmy von Motörhead, die demnächst rauskommt. Der ist ein alter Kumpel von mir, mit dem ich viel unternehme.

Lemmy? Ist der eigentlich wirklich so hart drauf, wie er immer tut?

Ja, der ist schon ziemlich wild. Er ist ein wahrer Rock’n’Roller. Aber da ist natürlich auch viel Mythos dabei. Ich kenne den schon seit Jahrzehnten. Der war einer der Ersten, der uns spielen sah. Er ist ein großer Rockabilly-Fan, liebt Chuck Berry, Buddy Holly, Fats Domino.

Leben Sie selbst auch noch ein wahres Rock’n’Roller-Leben?

Nein, die wilden Tage sind vorbei. Ich habe Kinder, einen 16-jährigen Sohn und eine siebenjährige Tochter. Da lebt man einfach anders. Ich muss nicht mehr jeden Tag versuchen, mich umzubringen. Lemmy macht das immer noch. Andererseits ist er ein schlauer, belesener Typ, mit dem man sich gut unterhalten kann. Der ist nicht so kaputt, wie es wirkt.

Sie touren jetzt wieder mit ihren alten Songs. Sind die nicht längst museumsreif?

Nein, im Gegenteil. Neulich haben wir auf einem Festival in Kalifornien gespielt. Da waren 10 000 Leute – alles Kids. Wir dachten: Na, ob das gut geht? Und dann waren die alle begeistert. Die sind heute genau so drauf wie wir damals. Die sind unzufrieden mit dem, was sie im Radio und auf MTV hören. Und „alternative“ Musik ist ja inzwischen auch Mainstream. Also sehen sie unseren Rockabilly als wirkliche Alternative.

Was sagen Ihre Kinder zu Ihrer Musik?

Denen gefällt’s. Aber es ist schwer für sie, mich wirklich ernst zu nehmen.

Wieso das?

Die sehen mich jeden Tag. Die sehen mich nackt in der Dusche. Die sehen, wie ich dem Hund hinterherputze. Wie sollen die mich da cool finden?

Apropos cool. Die Stray Cats waren nicht nur für ihre Musik berühmt, sondern auch für die unzähligen Tätowierungen auf allen Körperteilen…

…ja, das war damals was Besonderes. Als Brian und ich unsere ersten Tätowierungen in New York machen ließen, war das noch illegal. Das hatten sonst nur Kriminelle.

Heute ist das Mainstream.

Schockierend, nicht? Und immer mehr Frauen haben heute auch Tätowierungen. Sieht aber immer noch cool aus, finde ich.

Wollen Sie nach der Tour auch wieder neue Songs als Stray Cats schreiben?

Ja, wir denken drüber nach. Wir sind ja immer noch Freunde, trotz aller Meinungsverschiedenheiten. Wir besuchen einander bei den Geburtstagen unserer Kinder, rufen uns bei unseren eigenen Geburtstagen an und so. Aber wir brauchen hin und wieder mal Abstand voneinander. Mal gucken, wie es sich entwickelt.

Das Gespräch führte Lars von Törne.

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