Berlin : „Die Wildnis mitten in der Stadt“

Berlin vermüllt – und die Politik schaut untätig zu? Was unsere Leser zum Thema meinen

Marion Kittelmann[Steglitz]

Vielen Berlinern und Gästen stinkt der (Hunde-)Dreck auf vielen Straßen schon lange. Was tut nun der Senat? Er droht allen Hundehaltern, die die Hinterlassenschaften nicht entfernen, mit einem Bußgeld. Das tun viele Städte; sie tun aber darüber hinaus etwas mehr. Sie stellen Behälter auf, in denen Tüten zu finden sind, die bei der Beseitigung helfen, und zugleich der Entsorgung dienen. Könnte die Hundesteuer nicht für das flächendeckende Aufstellen solcher Behälter verwandt werden?Mir ist Hundedreck auf der Straße genauso eklig wie vielen Hundehassern; Abhilfe ist möglich, wenn man nicht nur Strafe androht, sondern auch Hilfen anbietet.

Endlich schreibt es mal einer, was jedem Besucher, jedem Neubürger sofort und auch manchem resignierten Altberliner gelegentlich auffällt: dass der öffentliche Raum in Berlin vermüllt, verdreckt, mit Gerümpel vollgestellt und mit Graffiti verschmiert ist, nicht nur im Zentrum, sondern z.B. auch in den grünen Stadtvierteln. Die Stadtverwaltung findet ihre Stadt so wie sie ist offenbar „sexy“ und sieht die Verwahrlosung als Ausdruck einer spezifischen Berliner Freiheit an. Sie trägt zur Verrümpelung bei, indem sie es zulässt, dass die schönsten Plätze mit Wurst- und Schnapsbuden, der Potsdamer Platz mit Berghüttchen, der Bebelplatz mit Buddybären, der Gendarmenmarkt und der Pariser Platz immer wieder mit Werbeplakaten, Partyzelten oder Containern aller Art vollgestellt werden.

Heide Rösch, Zehlendorf

Vielen Dank für den mutigen Artikel. Ich kann Ihre Ansichten von der ersten bis zur letzten Zeile unterschreiben. Ich bin auch ein sogenannt „Zugezogener“ – und als solcher fühle ich mich nach fünf Jahren immer noch. Diese Stadt könnte lebens- und liebenswert sein. De facto ist sie ein über Jahrzehnte gewachsenes Desaster. Norbert Schraepler, Mitte

Ihr Artikel sprach mir aus dem Herzen. Selbst hier Aufgewachsen glaube ich nicht, dass Rücksichtslosigkeit und unzivilisiertes Benehmen Urberliner Eigenschaften sind. Vielmehr ist die Stadt zu einem Magnet für Menschen geworden, die gerne die Sau rauslassen und das in ihrer Heimat nicht konnten. Ich glaube, die Politik ahnt gar nicht, wie vielen Berlin stinkt. Manche mögen die Nase darüber rümpfen, dass angesichts der dramatischen Probleme der Stadt gebildete Menschen Politik auf solche scheinbaren Nebensächlichkeiten reduzieren. Das ist aber meiner Meinung nach falsch: Wenn zu jeder Tageszeit riesige Hunderudel durch den Görlitzer Park jagen dürfen, während sich Kinder auf ihre eingezäunten Eckchen zurückziehen müssen, dann existiert mitten in der Stadt eine Wildnis, in der das Recht des Stärkeren regiert. Die Verantwortlichen müssen die Ohren spitzen: Weil der Auftritt der Egoisten und Prolls so laut ist, wird der leise Rückzug der zivilisierten Kräfte ganz offensichtlich überhört. Britta Fredrich, Kreuzberg

Am Sonnabendnachmittag aus der Provinz angereist, um abends in der Philharmonie einem Konzert beizuwohnen. Schnell den zufällig gefundenen Parkplatz in der Scharounstraße eingenommen, leider nimmt der Parkautomat keine 10- oder 20-Cent-Stücke, ab 50 Cent geht es los. Scheußliches Wetter, kein Mensch weit und breit, um passende Münzen zu erbitten, Brötchentaste gibt’s auch nicht. Also schnell die 100 m zur Kasse, ab wann wohl der Kartenverkauf läuft, und wieder zurück. Im Handumdrehen waren wir am Auto zurück und fanden einen Zettel des Ordnungsamtes unter dem Scheibenwischer. Da sage noch jemand, in Berlin sei alles im Argen, einiges klappt doch prima. Volkmar D. Körner, Ludwigsfelde

Ich freue mich sehr, dass Sie mit Ihrer Reihe über Gewalt im öffentlichen Raum – und nun auch über den Umgang mit dem selben – Themen aufgenommen haben, die seit Jahrzehnten nicht mehr gewürdigt wurden. Bitte machen Sie weiter so. Die Berliner Politik braucht massiven Druck, damit sie auf die Missstände reagiert und sich letztlich traut, Änderungen vorzunehmen. Markus Baltzer, Siemensstadt

Seit 1982 lebe ich in Berlin, habe sie von Anfang an geliebt und fühle mich hier immer noch sehr wohl. Aber dieser Artikel spricht mir aus dem Herzen. Die aufgestellte Liste der „Vermüllung“ lässt sich leicht erweitern und jedem wird etwas zu diesem Thema einfallen. Mir z. B. diese unsäglichen Zelte auf dem Kulturforum. Es hat sich seit 1982 viel, sehr viel zum Positiven gewendet. Wir sollten nicht aufhören, unsere Stadt noch lebenswerter zu machen. H.-Chr. Bauß, Schöneberg

Dieser Artikel verspielt seine wünschenswerte Wirksamkeit, indem er nicht genug differenziert: Hundescheiße ist etwas entschieden anderes als die Buddy-Bären auf dem Opernplatz. Über Geschmack lässt sich streiten, nicht aber über Vandalismus. Ich kann mich nicht erinnern, dass in Berlin im halben Jahrzehnt nach Kriegsende die sozialen Sitten verroht gewesen seien. Aber das ist in München offenbar anders, wo man ja auch heute im Englischen Garten keine Nudität und in der „innerstädtischen Plakatwerbung“ garantiert keine Ass&Tits sehen kann. Ulrich Waack, Lichtenrade

„Currybuden“ gibt es in Berlin seit über 100 Jahren. Die gehören einfach dazu, und die Nachkriegsentwicklung förderte sie, um aus der Not eine Tugend zu machen. Dass die zugezogenen „Rucksackberliner“ andere, nicht immer schöne Lebensformen mitgebracht haben, liegt nicht zuletzt an den Abgeordneten des Bundestages, die z. B. die Schlossplatzbrache beschlossen haben. Der Proll scheint mir ein nicht gewollter Import zu sein. Dieter Zywicki, Speyer

Was haben Sie mir aus der Seele gesprochen. Nackte Menschen auf öffentlichen Straßen und Plätzen, verwahrloste Parks, kaputte Straßen, Springbrunnen, die nicht springen, rüdes Benehmen allerorten. Dazu eine anscheinend schon planmäßige Verhunzung durchaus attraktiver Stadtgebiete durch die erwähnten Zeltstädte, Buden, krawallige Weihnachtsmärkte etc. Es ist die Aufgabe eines Bürgermeisters und seines Senats, einer Stadt ein attraktives Erscheinungsbild zu geben bzw. eins zu entwerfen. Wie wäre es, mit einer rundum schönen Stadt Menschen anzulocken, die Geld haben und es hier investieren und ausgeben möchten? Diese Menschen, lieber Herr Wowereit, tun dies bevorzugt in Städten, die „schön und sexy“ sind! Holger Nikolai, Nikolassee

Bewusst vernachlässigte und monoton gestaltete Stadträume führen zu Ausgrenzung und Gewalt; wer es sich leisten kann zieht dort weg. Triste öffentliche Stadträume, in denen Nazi-Schläger und andere Straftäter den Ton angeben, sind rechtsfreie – und für viele Bürger auch lebensgefährliche – Räume. Bewegungsmöglichkeiten und sinnliche Erfahrungen durch Selbsttätigkeit von Kindern sind in streng funktionalen, autogerechten öffentlichen Räumen nicht möglich. Markus Erich-Delattre, Hamburg

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