Berlin : Die Win-win-win-Formel: Energiesparen lässt Beamte kalt

Thomas Loy

Ein paar Jahre hätten die alten Ölkessel noch durchgehalten, doch irgendwann wäre Schluss gewesen. Kurz vor dem Totalausfall hätte sich das Land wohl erweichen lassen, ein paar Millionen locker zu machen. Bevor die Patienten zu Eisklötzen erstarren, und die Journaille sich auf die zitternde Beute wirft ... Dies ist die Story des Krankenhauses Waldfriede in Zehlendorf, und wie seine Leitung es schaffte, eine nagelneue gasbetriebene Heizanlage mit computergesteuerter Regeltechnik zu erhalten, ohne einen Pfennig auszugeben. Wie sie 23 Prozent Energie einsparte, um die Umwelt zu entlasten. Und wie sie Ängste, Skepsis und Zahlenhorror überwand, um eine Win-win-win-Formel zu realisieren: Gewinn für das Krankenhaus, für ein externes Unternehmen, genannt: Contractor, und für die Umwelt.

Im Falle von Waldfriede, dem zweiten Krankenhaus, das dieses Modell nutzt, ergeben sich Einsparungen von 23 Prozent der Energiekosten, die jährlich über 500 000 Mark liegen. Rund 900 000 Mark investierte der Contractor, die Firma Johnson Controls, in den Bau einer Gasheizung, neuer Regeltechnik und eines neuen Kühlkreislaufs für die Lüftungsanlage. Dafür erhält Johnson Controls zwölf Jahre lang zwei Drittel der Einsparsumme. Der Deal lohnt sich für jeden Gebäudebetreiber, der mehr als 500 000 Mark im Jahr für Energie ausgibt, sagt Michael Geißler, Geschäftsführer der Berliner Energieagentur, die das Contracting-Modell entwickelt hat und als Berater auftritt.

Allein im defizitären Berliner Gesundheitswesen könnten nach Geißlers Berechnungen jährlich 60 Millionen Mark eingespart werden. Doch bisher machen nur zwei kirchliche Krankenhäuser mit. Die öffentlichen sind mit der Schließungs- und Privatisierungsdebatte beschäftigt. Die größte Hürde seien Ängste um den Arbeitsplatz und vor Kürzungen bei Pflegesätzen, sagt Geißler. Zudem lasse man ungern fremde Experten ins Haus, die womöglich eigene Anstrengungen der Vergangenheit belächeln.

Auch im Haus Waldfriede herrschte zunächst eher Skepsis, erzählt der stellvertretende Verwaltungsdirektor Christian Dreißigacker. Sein Chef fürchtete den Aufwand, alles genau zu kalkulieren. Und der Technische Leiter sträubte sich dagegen, Kompetenzen abzugeben. Schließlich siegte die Vernunft, gestützt von deprimierenden Erfahrungen als Kostgänger des Landes. Um eine Intensivstation bettelte die Krankenhausleitung schon zehn Jahre lang. Inzwischen mache das Contracting allen Beteiligten eine Menge Spaß, sagt Dreißigacker.

Der Berliner Senat hat sich vorgenommen, bis 2002 dreißig Prozent des öffentlichen Gebäudebestandes ins Contracting-Modell einzubinden. Diese Marge ist kaum noch zu erreichen, denn bisher wurden nur 250 Häuser, zusammengefasst in sechs Pools, unter Vertrag genommen. Berlin verwaltet jedoch 6000 Gebäude. Deren jährliche Energierechnung ließe sich um rund 150 Millionen Mark reduzieren. Realisiert wurden bisher etwa 15 Millionen. "Verwaltungshemmnisse" benennt Geißler als Hauptgrund für die langsame Umsetzung. Obwohl Umweltsenator Peter Strieder das Modell seit Jahren auf internationalen Kongressen anpreist, müsse auf unteren Ebenen immer noch zähe Überzeugungsarbeit geleistet werden, so Geißler. "Es fehlen der Anreiz und der nötige Druck." Klaus Müschen von der Energieleitstelle in Strieders Verwaltung bestätigt "Motivationsprobleme". "Die Befürchtung ist, Personal abgeben zu müssen", doch "die Rationalisierungswelle läuft sowieso."

Nicht zuletzt bringt das Contracting eine Menge Arbeit. Um die Energiekosten zu ermitteln, mussten für die Gebäudepools mehr als 5000 Rechnungen ausgewertet werden. Ausschreibungen wurden vorbereitet und Messdaten gesammelt. Ein solider Contracting-Vertrag hat den Umfang einer Examensarbeit. Bis zum Abschluss vergeht oft ein Dreivierteljahr. "Eine Kärrnerarbeit", bilanziert Müschen, aber eine lohnende.

Trotz der Verzögerungen ist Berlin beim Contracting bundesdeutsche Spitze. Städte wie München, Dortmund oder Leipzig stehen noch am Anfang. Ob man die "Vorreiterrolle" halten kann, ist jedoch zweifelhaft. "Im Moment sind wir durch die Bezirksfusion blockiert", klagt Müschen.

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