Die Wissenschaftlerin : Den Motorrädern hinterher

Foto: promo
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Fast 500 Seiten stark ist das Buch, das sie sechs Jahre lang beschäftigt hat. Es veränderte ihren Blick auf das Land, aus dem sie kam, die DDR.

Ulrike Schulz ist Wissenschaftlerin, darauf legt sie wert. Anekdoten und bunte Schnipsel aus ihrem Leben behält sie lieber für sich. Auch das Buch über die jüdische Unternehmerfamilie Simson aus Suhl, die Autos, Motorräder und Jagdwaffen herstellte, legt den Schwerpunkt auf ökonomische und strukturelle Fragen. Wichtig war Schulz, die Kontinuitäten des Unternehmens herauszuarbeiten, über die gesellschaftlichen und ökonomischen Brüche des 20. Jahrhunderts hinweg. Bisher wurden ostdeutsche Unternehmen vor allem als Anhängsel von Diktatur und Planwirtschaft betrachtet, ein verkürzter Blick, ein West-Blick.

Ulrike Schulz hatte so viele Einsen im Zeugnis, dass sie nach der zweiten Klasse auf eine Schule mit dem Schwerpunkt Russisch versetzt wurde. Dort sollten die künftigen Moskau-Studenten herangezogen werden. Es kam anders. Schulz erlebte, wie sich ihre Schule mit der Vergangenheit auseinandersetzte, vom Namensgeber Wilhelm Pieck zu Rosa Luxemburg wechselte, was vielen als Distanzierung vom DDR-Sozialismus nicht ausreichte. Sie fand die Entscheidung in Ordnung.

Zum Abitur hin merkte sie, dass weder Lehrer noch ihre Eltern helfen konnten, den Markt der Möglichkeiten zu überblicken. Es habe nicht an Autoritäten gefehlt, sagt sie, aber diese wussten eben selbst nicht, wie man sich bewirbt und vor allem, wofür. Sie entschied sich für ein Studium: Geschichte, Linguistik, Latein. Sowas beenden viele mit dem Taxischein, nicht Ulrike Schulz.

Ihre Promotion über die Simsons erhielt die Bestnote summa cum laude. Am 23. Januar wird das Buchprojekt mit einem besonderen Ereignis gekrönt: Im Jüdischen Museum treffen die Erben der Simsons erstmals auf den Treuhand-Direktor, der ihren Antrag auf Rückübertragung eines Unternehmensteils vor 20 Jahren ablehnte. Sehr spannend. loy

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