• Die Wohngemeinschaft kommt wieder in Mode. Die passende zu finden, fällt trotz großer Auswahl schwer

Berlin : Die Wohngemeinschaft kommt wieder in Mode. Die passende zu finden, fällt trotz großer Auswahl schwer

Thomas Loy

Die Anforderungen sind nicht gering: Tierlieb sollte man schon sein (Katzenallergiker bleiben besser allein!), sympathisch sowieso, ruhig, offen, nett und natürlich interessant. Humvorvoll ist ganz wichtig, aber auch unkompliziert, kulturinteressiert auf jeden Fall...

"M., Physio, links" würde die sonnigen 60 Quadratmeter am Maybachufer am liebsten mit "Queers, Feministinnen & Softies" teilen. In der Mittenwalder Straße in "Xberg" (520 DM, mit Badewanne und Kabel-TV) werden Frauen "bei gleicher Eignung" bevorzugt. Frauen, Lesben und Schwule möchten ohnehin meist unter sich bleiben, manchmal geht auch "schwul od. Frau". Es gibt auch fachliche Eingrenzungen, allen voran "spirit.-ökolog", oder besondere Ausstattungen wie "Pavoni-Kaffee-Maschine & Elle-Abo" oder anzüglich Zweideutiges: "Vermiete ausschließlich an Studentin (bevorzugt HdK)" - Foto erwünscht.

Die passende WG zu finden, ist ein Herkulesjob. Die Wohnform ist wieder gefragt, bestätigt Gaby Fuhrmann von der Mitwohnagentur Wohnwitz. Eine gute Freundin hat sich jüngst in 30 WGs vorgestellt - ungefähr die Hälfte waren ihr zu chaotisch oder versifft, die andere Hälfte entschied sich für die Konkurrenz. "Das läuft teilweise wie ein richtiges Bewerbungsgespräch", resümiert sie entnervt. Einmal, nachdem sie Vita und Gefühlsleben mal wieder schonungslos offengelegt hatte, kam die scharfe Replique: Da fehlen aber noch ein paar Jahre! Ist es wirklich so schlimm?

Versuch Nummer eins. "Wir verbreiten diese Kunde: sei der 7. in der Runde" - Grüntaler Straße, Wedding. Krankenpflegelehrling Wolle grinst verlegen, verdreht den kurzgeschorenen Kopf. Das ist ihm jetzt ziemlich unangenehm, alles. Eigentlich sei das Zimmer schon vergeben. "Hat man Dir das nicht gesagt, am Telefon?" Frank und Timo sitzen in der Speisekammer und lesen. Mit der weiteren Aufklärung des Sachverhalts möchten sie nicht behelligt werden. Außer Wolle interessiert sich nur Jan, ungefähr sechs Jahre alt, für den Besucher. Das vakante Zimmer ist mit Tüchern verhängt. Zentrales Möbelstück ist die Matratze auf dem Boden, umgeben von Lebensmitteln und Textilien. Schön, bemerke ich, um überhaupt etwas zu sagen. Das Esszimmer ist nach japanischem Hockprinzip eingerichtet. Die WG-Gründer betreiben Yoga und Meditation; die Sache sei aber optional, beruhigt Wolle. Nur würde man auf die Nutzung eines tanzsaalgroßen Zimmers verzichten. Das Fernsehzimmer ist wesentlich kleiner und oft mit Gästen belegt. Wir stiefeln durch das Wohnungslabyrinth wie durch eine virtuelle Welt voller bunter, fremdartiger Dinge. Die einzige Frau in der WG kocht gerade für alle - "das geht hier reihum". Die Stimmung ist frostig, an eine Einladung zum Abendessen nicht zu denken.

Versuch Nummer zwei. "Ganz gutes Zimmer in traditionsreicher 3M-WG" - Raabestraße, Prenzlauer Berg. Das Poster mit Claudia Schiffer im schwarzen Dessous an der Badezimmertür bleibt - komme, wer da wolle, klärt Jochen zur Begrüßung auf. Auch einziehende Frauen hätten bei der Schiffer kein Vetorecht. Jochen, ein angehender Neurologe aus Konstanz, zeichnet auch für die blaugrünen Aktbilder verantwortlich, die Flur und Zimmer beleben. Überhaupt Frauen. "Nehmen wir auch", sagt Patrick (ein angehender Anästhesist), nur sieht er wegen einer kaum übersehbaren Putzabneigung wenig Chancen. "Ist eben alles ein bisschen versifft", sagt Jochen mit kumpelhaftem Lächeln. Wenn er von zuhause zurückkommt, findet er das auch richtig schlimm. Mit der Zeit gewöhnt er sich aber wieder dran. Die letzte Kandidatin, Anna, habe sich standhaft jeder kritischen Bemerkung enthalten, erst beim Hinausgehen druckste sie dann, da müsse "schon mal was gemacht werden".

Ich erhalte ein Stück Pizza aus der aktuellen Produktion, und wir plaudern über das süchtig machende Biertrinken vor dem Fernseher, über Detlev Bucks Debütfilm (das Dieselumfüllen von Vadderns Trecker in Vadderns Benz hat in Konstanz Eindruck gemacht) und den riesigen Jadebusen, der Holstein von Ostfriesland trennt wie der Atlantik die alte von der neuen Welt. Das Zimmer - 25 Quadratmeter Parkett - sieht aus wie fluchtartig verlassen. Im Luftschacht des Kachelofens lagern Hygieneartikel.

Versuch Nummer drei. "Undogm. Mitbewohner" gesucht - Martin-Luther-Straße, Schöneberg. Valeska ist noch ziemlich kaputt vom gestrigen Bewerbungsmarathon. Von 14 bis 22 Uhr nur Gespräche mit Kandidaten, und heute haben sich schon wieder fünf angemeldet. Das Zimmer ist zwar recht dunkel, aber ruhig. Dazu gibt es "riesenhafte Bäume" im Hof und einen "riesenhaften Gemeinschaftsraum", wie Alex, der Architekt auf ABM-Basis, erzählt, und natürlich das gemeinsame taz-Abo. Ich erfahre, dass eine WG auf der Basis individueller Verantwortung für das Ganze funktionieren kann, ohne jede Absprache oder Planung.

Valeska und Willy kochen meistens, dafür putzt Julia, die für Gameshows nach Kandidaten sucht, öfter das Bad. Ich gebe an, dass ich am liebsten Wäsche wasche. Niemand findet das witzig. Wäsche waschen ist was für hausarbeitsscheue Außenseiter. Valeska fragt irgendwann die wichtigste aller Fragen: "Hast Du WG-Erfahrung?". Sie erwischt mich unvorbereitet. Wieder ein Patzer. Zwischendurch ruft Jörg aus Hamburg an und gibt umständlich zu verstehen, dass er den Zug verpasst hat. Die Runde atmet auf: einer weniger. Als die Unterhaltung langsam in Fahrt kommt, guckt Alex in seinen Terminkalender und bittet, langsam zum Schluss zu kommen. Dann klingelt es: der Nächste.

Versuch Nummer vier. "Wir wollen Meditation, Kommunikation und Freundschaft" - Rue Jean Maridor, Reinickendorf. Dietz setzt erstmal einen Eisenkraut-Tee auf. Die Vorschulklasse war heute wieder ziemlich stressig. Wegen allseitiger Müdigkeit fällt das Gespräch ab und zu in schwarze Pausenlöcher. Wolf, der ergraute Biotechniker, erklärt mit Hilfe von Untersetzer und Flaschenöffner, dass die Siedlung so nahe an der Landebahn von Tegel liegt, dass Fluglärm kein Thema sei. Ich begreife nicht, nicke aber freundlich. Dietz präsentiert sein Aquarium mit selbst reinigenden Fischen und das selbst gebaute Schubladenbett, das seine Heimwerkersammlung beherbergt. Alles wirkt sehr sauber und aufgeräumt. Plakatschmuck fehlt - bis auf ein paar lächelnde Zen-Meister mit zugewachsenen Gesichtern. Wolf war längere Zeit in Asien und kann kaum fassen, dass ich noch nie meditiert habe.

Zum Eingewöhnen brät er scharfes Gemüse im Wok zusammen und legt Stäbchen auf den Tisch. Der Rotwein enthemmt die Runde. Wolf schwärmt von den Sandstränden des Flughafensees und von wogenden Hanffeldern in Brandenburg, die er demnächst bioenergetisch zu nutzen gedenkt. Inzwischen ist auch der nächste Interessent eingetroffen: Utz, Sozialpädagoge mit spiegelnder Goldrandbrille, lange Jahre in buddhistischen Zentren der Welt auf Wanderschaft, aber immer noch ohne Sinn. Utz ist über die doppelte Bewerbungssituation etwas irritiert: "Was soll ich da jetzt sagen?" Wolf beruhigt. "Bisher ging das alles ganz easy mit den Neuen."

Die Bilanz - fällt mager aus: Vier Absagen (inklusive Gabi aus der Husemannstraße, die sich schon vor dem Vorstellungstermin für "jemand anderen" entschieden hat). Nur bei Wolf und Dietz (übrigens: vielen Dank!) ist der Kandidat in die zweite Runde - gemeinsames Kochen - vorgestoßen. Meine Freundin und ich sinnen übrigens auf Rache: Wir gründen eine eigene WG - jung-dynamisch-spirituell-unkonventionell - und lassen angepasste Normalos wie unsereins mit Pauken und Trompeten durchfallen.

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