Berlin : Die Würfel sind gefallen

Steffi Bey

Sie waren einst der Mittelpunkt in vielen Neubaugebieten im Ostteil der Stadt - die so genannten Dienstleistungswürfel. In den zweietagigen, grauen Plattenbauten wurde meistens auf 1000 Quadratmetern immer wieder Gleiches geboten: Ein Friseur, ein Blumenladen, eine Lotto- und Reparaturannahme, eine Post sowie ein Jugendclub. Zu diesen würfligen Komplexen gehörten oft eine Kaufhalle und eine Gaststätte. Sie erhielten klangvolle Namen wie "Mühlengrund", "Geißenweide" oder "Drushba". Mittlerweile haben die meisten der ursprünglich 35 Dienstleistungswürfel ausgedient. Die Treuhandliegenschaftsgesellschaft (TGL) konnte in den vergangenen Jahren 30 verkaufen.

Anfang der 90er Jahre hatten sich das Land Berlin und die TLG darauf geeinigt, diese Zentren zu privatisieren. Als Verkaufsschlager erwiesen sich die Würfel allerdings nicht, denn die Vertragsverhandlungen gestalteten sich schwierig. So gehörten die Grundstücke oft mehreren Eigentümern mit teilweise unterschiedlichen Interessen, erklärt TLG-Sprecherin Elke Schicktanz. Häufig wurden auch mit den Investoren Zusatzvereinbarungen abgeschlossen. "Wenn in einem Würfel beispielsweise ein Jugendclub untergebracht war, der an dieser Stelle aber nicht mehr in das Konzept des künftigen Eigentümers passte, musste dieser sich verpflichten, woanders im Bezirk eine neue Jugendeinrichtung zu bauen", erklärt die TLG-Sprecherin. Mit dem bisherigen Verkauf erzielte die TLG Erlöse in Höhe von rund 220 Millionen Mark.

Auf den Grundstücken entstanden inzwischen - wie etwa am U-Bahnhof Tierpark in Lichtenberg - völlig neue Zentren. Manchmal wurden die "Quadrate von einst" auch saniert und in moderne Komplexe integriert. Einige Gebäude wurden zwischenzeitlich vermietet. Dort bieten Handelsketten ihre Waren an. Für fünf Würfel sucht die TLG noch Käufer, drei liegen in Marzahn (Brodowiner Ring, Eichhorster Straße 1c, Marzahner Promenade 29/30), zwei in Lichtenberg: (Alt-Friedrichsfelde 25, Alt-Friedrichsfelde 69-71). "Wir gehen davon aus, dass zwei davon in diesem Jahr ihren Besitzer wechseln", kündigt die Pressesprecherin an. Das sind die beiden Standorte am Brodowiner Ring und an der Straße Alt-Friedrichsfelde 25. Kurioserweise waren beide Würfel nach der Wende schon einmal veräußert worden. Doch es kam aus finanziellen Gründen zu einer "Rückabwicklung der Verträge", sagt Elke Schicktanz.

Die Leidtragenden dieser langwierigen Verhandlungen sind die Anwohner. Sie haben seit Jahren die verfallenen Dienstleistungswürfel vor Augen. Und irgendwie werden mit diesem Anblick alle Klischees von Marzahn bedient: Graues Gebäude, tristes Umfeld. "Dieser Schandfleck ist ganz sicher auch ein Grund, weshalb am Brodowiner Ring in den letzten Jahren fast 4000 Leute weggezogen sind", sagt ein Marzahner. Nach den Plänen des Grundstücksinteressenten soll der alte Komplex abgerissen werden und ein Einkaufszentrum mit rund 20 Geschäften entstehen. Auch der Lichtenberger Baustadtrat Andreas Geisel (SPD) drängt auf einen schnellen Vertragsabschluss für Alt-Friedrichsfelde 25. "Das heruntergekommene Gebäude macht die ganze Umgebung mies", sagt er. Bereits Anfang der 90er Jahre wurde mit den Bezirken vereinbart, dass die Würfel-Standorte auch künftig zur Ansiedlung von Geschäften und Dienstleistungen dienen.

Positive Beispiele gibt es reichlich. So wurde an der Jan-Petersen-Straße vor sechs Jahren das "Carree Marzahn" eröffnet: Die ehemalige DDR-Klubgaststätte "Eulenspiegel" und der Dienstleistungswürfel wurden in die Gestaltung des Areals einbezogen. Auch an der Marzahner Fichtelbergstraße erinnert nichts mehr an den einstigen "Einheitslook". Das freut besonders Wolf-Rüdiger Eisentraut. Dem Architekten zahlreicher "Gesellschaftsbauten" in Marzahn waren die zum Verwechseln ähnlichen Würfel schon zu DDR-Zeiten unheimlich.

0 Kommentare

Neuester Kommentar