Berlin : Die Wüste friert

Schon seit einem Monat ist es knochentrocken Indizien für einen zu kalten Winter häufen sich

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Auch in höheren Sphären scheinen flexible Arbeitszeiten in Mode: Nachdem Petrus im Sommer das Jahressoll an Regen über Berlin verteilt hat, ist jetzt seit einem ganzen Monat kaum ein Tropfen gefallen. „Im Sommer wäre solche Trockenheit katastrophal“, sagt Jörg Riemann vom Wetterdienst Meteogroup. Die aktuelle Wetterlage über der Region ist derart träge, dass der November sogar der trockenste Monat seit Beginn der Aufzeichnungen werden könnte. Und der Anfang des dritten ungewöhnlich kalten Winters in Folge.

Zumindest gab es zum Wochenende eine kleine Änderung mit großer Wirkung: Dank trockenerer Luft ist der Nebel verschwunden und wird wohl spätestens am Dienstag wiederkommen. Im Sommer würde ihn die Sonne frühmorgens auflösen, aber der fehlt jetzt die Kraft. So bleibt es bei maximal acht Grad am Tag und leichtem Nachtfrost, falls es aufklart. Danach wird es unter dem Hochnebel wohl nachts milder, aber tags kälter.

„Gammelwetter“ sei diese Wetterlage mit einem stabilen Hoch über der Ostsee aus Meteorologensicht, sagt Riemann. Spannender ist das Geschehen ringsum: Eisige Luft dränge von Russland her bis etwa an die Weichsel – und setzt sich dann wohl zwischen Baltikum und Balkan fest. Weil kalte Luft relativ schwer ist, kann nur ein Herbststurm vom Atlantik her sie verdrängen. Doch der sei nicht in Sicht. Deshalb könnte eine kleine Verschiebung im Wettergefüge den Weg frei machen für den Winter. Wie schnell der kommen kann, zeigt ein Blick aufs vergangene Jahr: Nach rekordverdächtigen 18 Grad am 14. November herrschte zwei Wochen später Dauerfrost. In einer Diskussion über die Wetterlage hätten die Kollegen die Chancen für einen zu kalten Dezember auf 50:50 befunden. Das sei beachtlich, nachdem der Trend viele Jahre lang zu milden Wintern ging.

In einem Punkt dürfte sich der nächste Wintereinbruch jedoch vom vergangenen unterscheiden: Noch einmal so viel Schnee wie Ende 2010 sei statistisch extrem unwahrscheinlich. Im Gegenteil, der November könnte einmalig trocken werden. Zurzeit hält laut Meteogroup der Oktober 1908 den Allzeitrekord. Damals fielen nur 0,3 Liter pro Quadratmeter vom Himmel. Falls es in den kommenden Wochen aus dem Nebel nicht öfter mal nieseln sollte, dürften die nun unterboten werden. Dafür hat die Sonne bereits eine Höchstleistung vollbracht: Mit gut 60 Stunden hat sie ihr durchschnittliches Novembersoll von 52 Stunden schon im ersten Monatsdrittel übererfüllt. Fazit: Die Chance auf kalte Weihnachten ist recht groß. Aber kalt heißt noch lange nicht weiß. Stefan Jacobs

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