Berlin : Die Wunderwaffe gegen Gewalt ist Mut

Marc-Oliver von Riegen

Drei Stunden Anti-Gewalt-Training - Polizei gibt Tipps für brenzlige SituationenMarc-Oliver von Riegen

Die 27-jährige Antje sitzt in der U-Bahn. Ein Mann setzt sich ihr gegenüber und rückt näher auf sie zu. Antje fühlt sich bedroht. Sie weiß nicht, was sie tun soll - weglaufen oder sich wehren? Der Mann hat sein Opfer gefunden. Was nun geschieht, kann Antje kaum noch beeinflussen. So oder ähnlich passiert es jeden Tag in Berlin. Antje braucht sich diesmal allerdings keine Gedanken zu machen - der Vorfall ist nur gespielt.

Damit es im Ernstfall gar nicht erst so weit kommt, hat Kripo-Hauptkommissar Reinhard Kautz vor acht Jahren das Anti-Gewalt-Training ins Leben gerufen. Rund 50 Leser des Tagesspiegels sind diesmal bei der Aktion der Berliner Polizei und der Initiative Schutz vor Kriminalität dabei. Sie wollen wissen, wie sie in brenzligen Lagen mit Gewalt umgehen - in U- und S-Bahnen oder auf offener Straße. 30 000 Berliner haben bislang daran teilgenommen.

Antje macht mit, weil ihre Psychologie-Lehrerin sie auf den Kurs aufmerksam gemacht hat. Die 17-jährige Henrike und ihre Schwester Svenja (13) sind mit ihrem Vater zu dem Training gekommen. "Ich bin schon öfter in einer gefährlichen Situation gewesen, zum Beispiel in der Disco", sagt Henrike. Einer der jüngsten Teilnehmer ist der 13-jährige Julian. Er ist dabei, weil er vor kurzem mit einem Freund von zwei gleichaltrigen Jungen verfolgt worden ist. "Wir haben nicht reagiert, dann sind sie weggegangen", berichtet Julian.

"Wir sind nicht hilflos", meint Berlins bekanntester Anti-Gewalt-Trainer. "Wir müssen nur vermeiden, zum Opfer zu werden." Die langjährigen Erfahrungen von Kautz zeigen: Täter halten Ausschau nach Opfern, nicht nach Gegnern. "Sie suchen sich diejenigen aus, die schwächer und hilfloser wirken als andere", sagt Kautz. Wenige Sekunden entscheiden darüber, ob die Situation eskaliert oder nicht. Wer drei Tipps beherzigt, ist schon auf dem richtigen Weg, verrät der Träger eines Bundesverdienstkreuzes. "Wir müssen mit unserer Angst umgehen können, Hemmungen ablegen und wissen, was zu tun ist."

"Was soll ich denn nun tun?", fragt eine Frau ungeduldig. Kautz will die Teilnehmer fit machen für den Ernstfall. Und das geht nur, wenn dafür geübt wird. Das Geheimnis, nicht zum Opfer zu werden, ist neben einer gesunden Portion Selbstbewusstsein die Distanz zum aufdringlichen Fremden. Die Angst soll dabei gar nicht verschwinden, sondern ein Warnsignal geben. Die Einschüchterung eines Täters läuft zu 95 Prozent über die Körpersprache, sagt Kautz. "Wir müssen unsere unsichtbare Schutzblase gut ölen, damit sie nicht zerplatzt." Die Blase ersetzt der Täter nämlich durch sein Magnetfeld und zieht das Opfer wie magisch an.

Antje soll ihr aufdringliches Gegenüber im Rollenspiel zur Rede stellen und anschließend laut schreiend weglaufen. Beim zweiten Durchgang ist sie schon viel mutiger. "Sauerei, das ist typisch Mann", schreit die 27-jährige und läuft durch die imaginäre U-Bahn. Antje hätte in so einem Fall auch die Notbremse ziehen können - am besten, bevor die Bahn in eine Station einfährt, wo sie ohnehin erst hält. "Weil sich kaum jemand meldet, werden Sicherheitskräfte abgezogen", sagt Kautz. Die BVG schult ihr Personal, die Meldungen ernst zu nehmen.

Das Spiel, in dem Antje in die Rolle des Opfers schlüpft, zeigt auch die Ohnmacht der anderen Teilnehmer. "Wer nicht hilft, ist nicht gleich böse", klärt der Kommissar auf. Viele bekommen einen Schock oder erinnern sich an schlechte Erfahrungen. Wer helfen will, sollte nicht zum Täter gehen. Kautz weiß auch, warum Frauen eher helfen als Männer: "Jungen wachsen mit dem Klischee auf: Mädchen schlägt man nicht. Deshalb erfahren Mädchen nach der Pubertät weniger Gewalt in der Öffentlichkeit." Die Mehrzahl der Gewaltopfer im öffentlichen Raum - rund 85 Prozent - sind Männer, bei Frauen sind die Gewalttaten meist Sexualdelikte. Männern rät der Trainer, keine Mutprobe zu wagen und sich nicht auf einen Kampf einzulassen.

"Wir wurden immer erzogen, lieb und nett zu sein", erläutert der Hauptkommissar. Wie wir aber damit umgehen, wenn uns Fremde mit Gewalt konfrontieren, haben wir nicht geübt. Das muss seiner Ansicht nach schon in der Schule auf den Lehrplan. "Die Prävention vor Gewalt sollte von der ersten Klasse an bis zum Abschluss in allen Schularten selbstverständlicher Bestandteil der schulischen Arbeit sein", erläutert Rita Hermanns, Sprecherin des Schulsenators. So interpretiert die Schulverwaltung den Erziehungsauftrag des Schulgesetzes. Schon 4000 Lehrer und Erzieher haben innerhalb von zwei Jahren Anti-Gewalt-Kurse besucht. Kautz wird weiterhin volles Haus haben.

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