Berlin : Die Wut am Bankschalter wächst – bei Kunden wie bei Mitarbeitern

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Von Claudia Keller

und Annette Kögel

Das Filialsterben bei den Berliner Banken geht weiter. Neben der Sparkasse hat jetzt auch die Berliner Bank angekündigt, Niederlassungen zu schließen oder in Selbstbedienungs-Zentren umzuwandeln. Kunden sind verärgert – bei den Verbraucherschützern mehren sich die Beschwerden. Auch die Bankangestellten sind wütend: 2500 Mitarbeiter haben gestern auf dem Breitscheidplatz gegen die Pläne der Arbeitgeber demonstriert, Gehälter auf Provisionsbasis umzustellen. 155 der 600 Berliner Filialen waren geschlossen.

„Eine Unverschämtheit ist das“, sagte eine Sparkassen-Mitarbeiterin gestern auf der Demo in der City. Wenn sie künftig nur noch 65 Prozent ihres Gehaltes fest bekomme und die restlichen 35 Prozent als Provision, könne sie ihre Familie nicht mehr ernähren. „Bei der jetzigen Wirtschaftslage können wir nicht noch mehr Versicherungen und Wertpapiere verkaufen.“ Sylvia Kunitz, 31-jährige Sparkassen-Kundin aus Tiergarten, findet die neue Verdienstregelung ebenso zweifelhaft. „Die überreden mich jetzt sicher öfters zu etwas, was ich nicht brauche“. Das befürchten auch die streikenden Banker – und haben eine weitere Angst: den Arbeitsplatz zu verlieren.

Denn nicht nur die Sparkasse, auch die Berliner Bank bestätigte auf Anfrage, dass wohl 24 von 80 Filialen dichtmachen sollen – mehr als ein Viertel der Standorte. Ähnlich die Lage bei der Commerzbank, auch sie wird möglicherweise weitere der 46 Zweigstellen in der Stadt schließen. Am Montag kam die Nachricht, dass bei dem Geldinstitut bundesweit 900 Stellen abgebaut werden. „Das kann auch die Berliner treffen“, sagte Commerzbank-Sprecherin Angelika Held-Flessing. Und die Deutsche Bank schließt gleichfalls nicht aus, dass weitere Filialen im Rahmen der Umstrukturierung der Privatkundensparte wegfallen werden. Vergangenes Jahr wurden in Berlin insgesamt 50 Zweigstellen verschiedener Institute abgewickelt.

„In der jetzigen Krise muss sofort gehandelt werden“, sagt Gerd Benrath, der Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes des Privaten Bankgewerbes, „entweder indem man Personalkosten spart oder im Vertrieb effizienter arbeitet“. Dass die Provisionsregelung das Vertrauen der Kunden beeinträchtigen könnte, sieht er nicht. Im Gegenteil: „Die Angestellten sollen sich noch mehr um jeden bemühen.“ Das aber, glaubt nicht nur Sparkassenkunde Mathias Wagner, hat auch eine Kehrseite: „Das Arbeitsklima verändert sich. Jeder stürzt sich nur noch auf die besten Kunden.“ Wer weniger finanzstark ist, hat jetzt schon Probleme, ein Girokonto zu bekommen, bestätigen die Verbraucherschützer.

Tür verriegelt, Rollläden unten, dieses Bild bot sich am gestrigen Streik-Tag auch in der Sparkasse an der Hermannstraße in Neukölln. Auch hier waren manche Kunden verärgert, doch viele hatten Verständnis – die Filiale gehört zu jenen acht, die die Sparkasse in Kürze dichtmachen will. Verärgert sind darüber vor allem Kunden, denen die Technik Probleme macht. „Die Terminals im Foyer kann ich nicht nutzen“, sagt eine 69jährige Kundin. Außerdem vermisst sie das persönliche Gespräch mit den gewohnten Bankberatern.

Ein paar U-Bahn-Stationen weiter am Hermannplatz tippt ein junger Mann am Terminal der Deutschen Bank 24. Er erledige alle Geldgeschäfte per Internet, deswegen könne er auf Personal am Schalter verzichten. Anders ein 49-jähriger Rudower. „Die sollten ein paar Leute mehr einstellen, manchmal muss man in der Schlange ewig warten.“

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