Berlin : Die Yuppies kommen

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Von Thomas Loy

Prenzlauer Berg. Es lässt sich nicht länger verheimlichen. Die Trüffelsucher des Berliner Nachtlebens hatten es schon lange vorhergesagt. Inzwischen wurden die ersten Touristenbusse gesichtet. Menschen mit Sonnenbrillen von Ray Ban und Diesel hocken auf dem Bürgersteig. Auf den Karten ist was von „Baked Chili Pacific Mussels“ zu lesen. Letztens war meine Nachbarin da, die aus der Veranstaltungsbranche – ein untrügliches Zeichen. Der Helmholtzplatz ist zum Abschuss freigegeben. Die Schönen, Klugen und Trendigen haben ihn entdeckt. Man geht ins „Drei“ oder ins „Wohnzimmer". Am Ostende wird gerade ein Film gedreht, eine Lovestory vor berlintypischer Fassadenkulisse.

Vor nicht allzu langer Zeit machte der Helmi noch als sozialer Brennpunkt Schlagzeilen – mit Junkies, Alkis, Punks, Menschen ohne Job und Geld, mit Projekten und Initiativen und Quartiersmanagement. Traurige Gestalten mit langen Bierdosen zum Festhalten beherrschen das Terrain. Nach der millionenschweren Sanierung des Platzes leben nun die Gestrandeten im Reservat zwischen der hundefreien Liegewiese und dem hundefreien Spielplatz. Der Helmholtzplatz ist in kleine Reservate unterteilt. Dazwischen wurden Pufferzonen angelegt, mit Büschen, Zäunen oder breiten Gehwegplatten. „So haben sie (die Polizisten) uns gleich auf dem Präsentierteller“, sagt Kesselschmied Charly, der gerne zugibt, zu den „Suffköppen“ zu gehören. Richtig wohl fühlt er sich nicht mehr. Übrigens war gestern wieder was los. Einer der Suffköppe war „durchgeknallt“ und hatte auf ein Auto eingetreten. Dann Prügelei, Festnahme. Charly sagt, das war schon immer so.

Und jetzt werden die Alkis verdrängt? „Is wohl so“, brummelt Gastronom Thomas Voigt in die gleißende Sonne hinein. „Dieser Spruch: Alle sollen sich wohlfühlen . . . das is ja wie Kommunismus. Das funktioniert doch nicht.“ Früher haben sich die Alkis wohl gefühlt, dann kam die Sanierungswelle, jetzt fühlen sich die Szenegänger wohl – das ist der Fortschritt. Voigt lebt schon seit 38 Jahren im Kiez und weint dem alten schmuddelig-traurigen Arme-Leute-Ambiente keine Wehmutsträne nach. Gerade hat sein Chef eine neue Bar eröffnet: ganz in Glas, mit Eierschalen-Hockern und gelben Ledersitzbänken im neoliberalen Bankerstil. „Citoh“ wird sie wohl heißen. Passt nicht hierher, die Bar, aber „es gibt ja auch kaum noch Berliner, die hier wohnen".

Die Berliner, also die Ureinwohner, ziehen nämlich weg, nicht wegen der Alkis, sondern wegen der steigenden Mieten und der Zuzügler, die sie bezahlen. D.L., die im sandigen Familienreservat auf ihre Tochter aufpasst, flüchtete 1994 vor den Yuppies vom Hackeschen Markt an den Helmi. „Damals gab es hier zum revolutionären 1. Mai noch richtig Bambule.“ Jetzt haben die Yuppies sie eingeholt, was schon ärgerlich sei. Ärgerlich sind auch die Alkis und ihr Rumgegröle nachts, wenn sie den Platz nur noch mit den Liebespärchen teilen müssen. Weg sollen die Alkis nicht, aber sich besser benehmen.

Ähnlich denkt Anja, die im Videoladen „Negativeland“ arbeitet und Geographie studiert. In Rufweite des Helmi ist sie „uffjewachsen". Spielen war auf dem nach der Wende rumpeligen Platz nicht drin, aber dafür gab es in der alten DDR ja genügend Straßen ohne Autoverkehr, Dachböden ohne Vorhängeschlösser und offene Hinterhöfe. Der neue Helmi – ja, doch, angenehmer ist er ihr schon, mit dem Spielplatz ohne Hunde und den vielen Kneipen. Nur dass hier die Yuppies wohnen, die „Leute mit Kohle“, passt ihr irgendwie nicht. Beim Erklären des Wieso und Warum kommt Anja leicht ins Schleudern, sagt was von Prozessen, veränderten Strukturen, anderer Stimmung und dann noch dies: „Früher kannte man sich in den Häusern. Die Türen standen offen. Yuppies sind viel reservierter – dann dieses Gelaber: gestern war ich in der neuen Ausstellung . . . – das geht mir auf den Sack". Einen Yuppie kennt sie persönlich. Der wohnt in einem Glaskasten-Loft über dem „Citoh“. „So eine Wohnung mit Schiebetüren, 100 Quadratmeter für 2500 Mark.“ Schon toll – zumindest die Wohnung.

Was wirklich auffällt am Helmi: Es sind keine Omis zu sehen. Vielleicht hat man vergessen, ein kleines Reservat für sie anzulegen. „Ein Platz für alle“ soll der Helmi sein, hieß es zur Eröffnung. Wie im Kommunismus. Die Omis machen da nicht mit.

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