Berlin : Die Zeit der kleinen Gründer

Die Förderung der Bundesagentur für Arbeit bringt Berlin einen Boom der Ich-AGs

Alexander Visser

Die Berliner Wirtschaft erlebt im Jahr 2004 eine neue Gründerzeit. Zwischen Januar und August wurden 25000 neue Gewerbe angemeldet – 17,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Solche Zahlen erreichte Berlin zuletzt Mitte der neunziger Jahre. Viele der Existenzgründungen wurden durch Arbeitsmarktinstrumente wie die neuen „Ich-AGs“ ermöglicht. Während Kritiker befürchten, dass die staatlich unterstützten Neu-Unternehmer nicht lange am Markt überleben werden, sehen andere Beobachter Anzeichen für eine neue Kultur der Selbstständigkeit in der Hauptstadt.

„Viele Berlinerinnen und Berliner haben die Ich-AG als Chance genutzt, sich dauerhaft aus der Arbeitslosigkeit zu befreien“, sagt Olaf Möller, Sprecher der Arbeitsagentur Berlin-Brandenburg. Möller zufolge haben von den geförderten 6800 Ich-AGs im Jahr 2003 bislang nur 200 aufgegeben. Dabei wird die Fördersumme nach einem Jahr von 600 auf 360 Euro monatlich reduziert, im dritten Jahr auf 240 Euro. „Wir hatten damit gerechnet, dass mehr Ich-AGs nach einem Jahr aufgeben“, sagt Möller. Derzeit unterstützt die Arbeitsagentur 12000 Ich-AGs in Berlin. Hinzu kommen 4000 Berliner, die Überbrückungsgeld für die Selbstständigkeit beziehen, das maximal ein Jahr lang ausgezahlt wird.

Die Berliner Handwerkskammer sieht vor allem die Schattenseiten des Gründerbooms: Durch die Förderung der Ich-AGs und die gleichzeitige Lockerung der Handwerksordnung drängten viele unqualifizierte Anbieter ohne Meisterabschluss auf den Markt. 550 der 600 seit Januar gegründeten Ich-AGs im Handwerk entstanden in neuerdings zulassungsfreien Berufen, wie dem Fliesen-, Platten-, und Mosaikleger. 30 Prozent dieser neuen Ich-AGs, schätzt die Handwerkskammer, werden ihr erstes Jahr nicht überstehen.

Der Zuwachs bei den Gewerbeanmeldungen ist aber nicht allein auf die Arbeitsmarktpolitik zurückzuführen. Christoph Lang, Sprecher von Wirtschaftssenator Harald Wolf (PDS), betont andere Faktoren: „Die Stadt ist ein attraktiver Standort für junge, gut ausgebildete Hochschulabsolventen, die aus den Universitäten heraus Unternehmen aufbauen. An den Hochschulen entstehen Innovationen, die an Wissenschaftszentren wie Adlershof zur Marktreife gebracht werden.“ Zudem habe keine andere deutsche Stadt ein so dichtes Netz an Beratungsangeboten, Gründerzentren und Wettbewerben für Jung-Unternehmer.

„Und die Büropreise sind im Vergleich zu Hamburg oder München geradezu lachhaft“, sagt Lang. Allerdings haben die beiden Städte pro Kopf deutlich mehr Gründungen als Berlin, hat das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung ermittelt. In der Hauptstadt gibt es zu wenige Großunternehmen, in deren Umfeld sich Gründer gerne ansiedeln.

„Berlin ist eine sehr gründerfreundliche Stadt“, sagt Michael Diersch, der im Frühjahr seinen Zigarrenladen in der Berliner Straße in Wilmersdorf eröffnete. „Hamburg ist schön, aber schon fertig. In Berlin bewegt sich viel, es gibt Raum für neue Ideen“, sagt der 36-Jährige. Er hat einen originellen Vermarktungsweg für Zigarren aus der Dominikanischen Republik entwickelt: Die Bauchbinden werden individuell für die Kunden gestaltet. „Vor allem Unternehmen bestellen Zigarren mit ihrem Firmenlogo, um Kunden und Mitarbeiter zu beschenken“, sagt Diersch. Auf dem Weg zur eigenen Firma nutzte er den Business-Plan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg. Mit seinem Unternehmenskonzept schaffte er es im Jahr 2003 auf den sechsten Platz. „Durch die Beratungsgespräche und Diskussionen in jeder Gründungsphase musste ich mich sehr intensiv mit meinem Konzept befassen“, erinnert sich Diersch. „Das zahlt sich jetzt aus.“

Für eine neue „Kultur des Unternehmerischen“ in Berlin wirbt Günter Faltin, Gründer des Arbeitsbereichs „Entrepreneurship“ an der Freien Universität. „Berlin wird nie wieder Industriemetropole“, sagt der 60-Jährige. „Unternehmer müssen Ideen aus dem Umfeld von Kreativität, künstlerischem Schaffen und modernem Lifestyle entwickeln, das Berlin wie keine andere Stadt bietet.“

Faltin wagt sich über die Universität hinaus: Mit der Teekampagne gründete er 1985 ein erfolgreiches Importgeschäft, heute bietet er Workshops für angehende Gründer. Faltin geht es um mehr als Existenz-Gründung: „Das klingt mir zu sehr nach einem Leben am Rande des Existenzminimums.“ Ein Unternehmer müsse aus einer guten Idee ein erfolgreiches Geschäftsmodell entwickeln, das in Einklang mit seinen Lebenszielen stehen sollte. Bei Faltin wird die Unternehmensgründung zu einem Akt ganzheitlicher Persönlichkeitsentfaltung.

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