Berlin : Die Zeit fährt Auto

Walter Sittler spielt zum zweiten Mal den Schriftsteller Erich Kästner „Vom Kleinmaleins des Seins“ ist ab Donnerstag im Admiralspalast zu sehen

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Tachchen. Walter Sittler zieht den Hut vor Erich Kästner. Foto: Promo/Jim Rakete
Tachchen. Walter Sittler zieht den Hut vor Erich Kästner. Foto: Promo/Jim Rakete

„Was auch immer geschieht: Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken!“ Den Satz genießt das Publikum, er spricht ihm, scheint es, aus der Seele, der Schriftsteller Erich Kästner, der seinen Zeitgenossen dieses Motto empfahl. Und der Schauspieler Walter Sittler, der die Kästnersätze auf der Bühne des Berliner Admiralspalastes spricht, als würden sie ihm selber gerade eben einfallen, verkörpert mit Bravour, mit wacher Gelassenheit Kästners Mischung aus Humor, Schärfe und Melancholie.

Da ist eigentlich nicht viel: Eine Bühne, ein Mann mit Hut und Anzug, Musik. Aber der Mann erzählt, er läuft umher und spricht, Bilder entstehen beim Zuhören, Szenen, Stimmungen, Farben, die Atmosphäre von drei deutschen Epochen, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Nachkriegszeit. „Vom Kleinmaleins des Seins“ heißt die Inszenierung, eine Collage aus Texten von Erich Kästner (1899 - 1974), die Regisseur Martin Mühleis für den Schauspieler Walter Sittler zusammengestellt hat. Beide setzen damit ein Projekt fort, das mit dem Einmannstück „Als ich ein kleiner Junge war“ begonnen hatte, Text und Titel war von Kästners berühmter Kindheitsbiografie geliehen.

Der neue Abend fährt dort fort, wo das Kindheitsstück aufhörte. Erich hat Schule und Abitur hinter sich, Deutschland das Desaster des Ersten Weltkriegs. Es herrscht Hunger, es ist kalt und in Leipzig beugt sich der Student Erich Kästner nachts im Mantel über seine Seminararbeit zu Schiller. Tags ist er in Lohnfron. Denn was die Eltern für den einzigen Sohn erspart haben, die Mutter als Näherin, der Vater in der Kofferfabrik, frisst die Inflation über Nacht auf. Da fängt der Student an, Gedichte an den Berliner „Montag Morgen“ zu verkaufen. Aus dem Dichter wird ein Redakteur, aus dem Redakteur ein Buchautor – „Emil und die Detektive“ entsteht Ende der Zwanziger, als Kästner in Berlin am Prager Platz lebte.

In Gedichten, Kurzgeschichten und Songs berichtet Kästner-Sittler vom Berlin der Zwanziger, dann von der braunen Barbarei und der Naivität des jungen Intellektuellen, der jüdische Freunde vom Emigrieren abhalten will. Wären sie seinem Rat gefolgt, räsoniert er rückblickend, er hätte sich schuldig gemacht. Warum aber ist er, Kästner, dessen Bücher man 1933 auf dem Berliner Bebelplatz verbrannt hatte, trotz allem im Land geblieben? Er findet auf seine eigne Frage keine Antwort als die, dass er kein Held war. Dass er seine Eltern und sein Land liebte. Dass er irgendwie immer gehofft hat. Vor allem die Mutter ist es, die er nicht allein lassen wollte, das „Muttchen“, das es unfassbar fand, dass von der ausgebombten Wohnung ihres großen Jungen nicht einmal die Teppiche übrig waren. 1945 beginnt Kästners neues Leben – mit dem ersten Weihnachten ohne Muttchen. Er ist in München, sie in Dresden, die Alliierten erlauben noch keine Reisen. So malt der Sohn sich aus, wie die Mutter an ihn denkt. Keine Frage, dass dabei jede Mutter im Saal schmilzt? Das Leben geht weiter, Kästner dichtet: „Die Zeit fährt Auto und der Mensch kann nicht lenken, das Leben fliegt vorbei wie ein Gehöft, Minister reden viel vom Steuersenken, ob sie da wirklich auch dran denken? Der Globus dreht sich und geht nicht entzwei.“

Beschwingt und zugleich zurückhaltend illustrieren der Komponist und Arrangeur Libor Sima und sein virtuoses Orchester die Bühnenerzählung mit jazzigen Sounds der Zwanziger. Sima selber spielt Saxofon, Veit Hübner streicht den Kontrabass, K.A. Fischer ist spielfreudig am Klavier und Schlagzeuger Obi Jenne gibt den Rhythmus an. Regisseur Martin Mühleis gelingt eine zauberhafte, kluge Inszenierung. Caroline Fetscher

Admiralspalast, 16. bis 18. Dezember, Karten ab 22,90 Euro, Tel. 030 4799 7499, www.admiralspalast.de

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