Berlin : Die zerstörten Seelen der Opfer

Wie Bankangestellte nach Überfällen leiden

Sandra Dassler

Wandlitz. Immer wieder sieht Kerstin G. den schwarz maskierten Mann zur Tür hereinstürmen. Egal, ob die 36-jährige Bankangestellte hinter ihrem Schalter sitzt oder ob sie gerade mit ihrer Familie zu Abend isst.

Flashback nennen Psychologen diese Erscheinung, die zu den schwersten psychischen Störungen gehört, die Menschen durch ein traumatisches Erlebnis davontragen können: Im Wachzustand, in allen möglichen Situationen, erscheint ihnen kurzzeitig ein Bild, das eine durchlebte Situation wiedergibt. Bankangestellte, aber auch andere Opfer eines Überfalls, erleben oft solche Flashbacks. Sie leiden aber auch unter Schlafstörungen, Depressionen und Angstträumen. Manchmal sind die seelischen Nachwirkungen eines traumatischen Ereignisses so belastend, dass die Betroffenen ohne professionelle Hilfe nicht weiterleben können.

Jürgen Münch, der Chefarzt der Abteilung Psychosomatik und Psychotherapie, in der Brandenburg-Klinik von Wandlitz, kennt viele solcher Patienten: „Wir haben uns seit sieben Jahren auf die Behandlung von so genannten posttraumatischen Belastungsstörungen spezialisiert. Unsere Patienten kommen aus ganz Brandenburg und Berlin. Darunter sind auch viele Bankangestellte.“ Obwohl gerade diese Berufsgruppe auf Überfälle besser vorbereitet ist als beispielsweise eine Verkäuferin in einem Schuhgeschäft, kann eine Therapie durchaus nötig sein. „Als moderne Menschen sind wir einfach nicht mehr auf Situationen gefasst, in denen unser Leben durch Gewalteinwirkung bedroht ist“, sagt Jürgen Münch. „Das war bei unseren Großeltern, die Kriege und Hungersnöte erlebten, noch ganz anders. Und den Verkehrs-Tod auf der Straße verdrängen wir.“

In den letzten Jahren beobachtet Münch allerdings ein Umdenken bei der seelischen Betreuung von Opfern. „Man weiß inzwischen, dass eine entsprechende Zuwendung unmittelbar nach dem traumatischen Erlebnis wichtig ist und Langzeitschäden vorbeugen kann. Während des Eisenbahnunglücks von Eschede wurden die Helfer von zahlreichen Psychotherapeuten unterstützt. Ohne diese Hilfe wären viele zusammengebrochen.“

Zu posttraumatischen Störungen kann es auch nach dem Verlust eines geliebten Menschen, nach sexuellem Missbrauch oder anderen Gewalterfahrungen in der Kindheit kommen. In der Wandlitzer Klinik werden aber auch S- und U-Bahnführer behandelt, die nicht mehr bremsen konnten, als ein Selbstmörder sich vor ihnen auf die Gleise stellte. Und die nun dieses Bild einfach nicht mehr loswerden.

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