Berlin : Die Zukunft der Stadt ist seit der Wende kaum berechenbar

KATJA FÜCHSEL

Die neuesten Langzeitprognosen kommen zu recht unterschiedlichen Ergebnissen VON KATJA FÜCHSEL

Berlin.Die Zeiten für Stadtplaner sind schwer in Berlin.Vieles ist unsicher, und selbst bei der zukünftigen Einwohnerzahl.kommen die Statistiker auf keinen gemeinsamen Nenner.Für das Jahr 2010 gehen die Prognosen um mehr als 1,5 Millionen Menschen auseinander.So kam ein Gutachten der ostdeutschen Landesbausparkasse jüngst zu dem Ergebnis, daß dann nur noch 3,16 Millionen Einwohner in Berlin leben werden.Nach der Prognose der Senatsverwaltung soll die Zahl aber bei 3,62 Millionen liegen.Das Bonner Bundesministerium für Raumordnung hingegen kommt in seinem Gutachten gleich auf 4,7 Millionen Berliner - in den Unterschied würde fast das ganze Hamburg hineinpassen. Um den Bau von Schulen, Kitas, Altersheime, Wohnungen oder Straßen langfristig planen zu können, muß sich das Land auf die Prognosen stützen.Seit dem Fall der Mauer stehen die Statistiker jedoch vor einem entscheidenden Problem: "Für genaue Prognosen sind wir auf Kontinuität angewiesen", sagt Friedrich Bluth, bei der Senatsverwaltung für die Bevölkerungsprognosen zuständig."Die zusammenwachsende Stadt befindet sich jedoch ständig in Bewegung." Wer heute eine Langzeitprognose erstellen will, kommt häufig ohne Spekulationen nicht aus: Wann kommen die Bundesbediensteten nach Berlin? Wie viele Deutsche wird der "Hauptstadteffekt" nach Berlin ziehen? Wie viele Osteuropäer? Und wie viele Berliner werden bis zum Jahre 2010 ins Umland ausweichen? - Die unterschiedlichen Antworten auf all diese Fragen schlagen sich auch in den Ergebnissen der verschiedenen Prognose nieder. "Insofern sind Prognosen auch immer ein politisches Geschäft", heißt es im Statistischen Landesamt, das seine Langzeitprognosen gemeinsam mit der Senatsverwaltung erarbeitet.Hier bestreitet man allerdings die politische Motivation und bevorzugt eine andere Formel: "Prognose will nicht erreichen, sondern lediglich erkennen, was noch nicht ist", sagt Bluth. Nicht selten geraten Prognosen und ihre Auftraggeber ins Feuer der Kritik: Auch als die Landesbausparkasse Ost (LBS) in der vergangenen Woche ihre Studie vorstellte, wurde der LBS vorgeworfen, mit diesen Zahlen nur bessere Geschäfte betreiben zu wollen."Wenn überhaupt, wirkt sich die Studie nur mittelbar auf die Geschäftpolitik aus", weist Uwe Krink von der LBS die Kritik zurück.Man habe lediglich einige Fragen ausloten wollen: "Gibt es noch einen Markt für Eigenheimler, wo ist der und wie könnte er sich entwickeln?" Wie berichtet, soll Berlin nach der LBS-Studie bis zum Jahr 2010 rund 300.000 Einwohner an das Brandenburg Umland verlieren.Auch im Eduard-Pestel-Institut in Hannover - hier wurde die Studie erstellt - trifft man bei den Prognostikern auf eine Mischung aus statistischen Erfahrungen und Spekulation: "Seit Jahrzehnten ziehen in allen Bundesländern die Menschen zwischen 30 und 45 Jahren aufs Land", sagt Instituts-Mitarbeiter Matthias Günther."Warum sollte das in Berlin anders sein?" Doch die Berliner Senatsverwaltung und das Statistische Landesamt schätzen diese Verschiebungen anders, nämlich geringer ein.Die Differenz von rund 500.000 Einwohnern resultiert noch aus einem anderen Umstand: "Wir rechnen mit höheren Auslandszuwanderungen und Zuzügen aus den alten Bundesländern", sagt Bluth.1995 hatte Berlin rund 3,5 Millionen Einwohner. Aber nicht nur die politischen Auswirkungen der Wende bergen für die Statistiker Unsicherheiten, auch die Berliner erweisen sich zuweilen als "vorhersage-resistent": "Es ist sehr schwer, sich veränderndes Verhalten der Menschen zu prognostizieren", sagt Horst Schmollinger.Ein Beispiel von vielen: Nach der Wende gingen die Geburten im Ostteil der Stadt um mehr als die Hälfte zurück.Viele Wissenschaftler rechneten damals mit einer schnellen Angleichung in beiden Stadthälften.Doch auch noch im Jahre 1994 wurden im Westteil rund 21.000 Kinder geboren, im Ostteil nur rund 8000. So unterschiedlich die Ergebnisse der Untersuchungen, so ernüchternd die Bilanz: "Wir wissen, daß unsere Prognosemöglichkeiten sehr begrenzt sind", sagt Schmollinger.Und sein Kollege von der Senatsverwaltung ergänzt: "Deshalb aktualisieren wir die Prognosen alle zwei Jahre."

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