Berlin : Die Zukunft ist schon angekommen

Internationale Funkausstellung unter dem Funkturm für Besucher geöffnet Flachbildschirme, Breitbandempfang und neue DVD-Techniken sind die Renner

Bernd Matthies

Dies ist eine völlig andere Funkausstellung. Ist es überhaupt noch eine? Je nachdem, wo der Besucher die Hallen betritt, mag er durchaus den Eindruck gewinnen, auf einer koreanischen Flachbildschirmmesse gelandet zu sein. Die Umstellung auf den Einjahresrhythmus hat zumindest den Gesamteindruck der Ifa völlig verändert: Es werden längst nicht mehr alle Hallen am Funkturm genutzt, und an vielen Stellen breiten sich große SB-Restaurants aus, die es früher dort nie gegeben hat. Aus der großen Publikumsmesse, das ist deutlich, soll eine weitläufige Fachmesse werden, die den Sieg der Technik über die Ifa-Nostalgie demonstriert. Arbeitssprache ist Englisch, und wer die fachspezifische Buchstabensuppe nicht schlucken mag, der sollte von vornherein alle Hoffnung sinken lassen: DVB-S, DVB-T, DVB-C, DVB-FTA, IPV, alles in einem Atemzug hintereinander, das strengt an.

Es handelt sich dabei aber, das ist sicher, um eine Revolution. Unter „Revolution“, sprich: Rewoluschen, macht es niemand, außer der Firma Samsung, die eine ganze Halle füllt und vier Hostessen am ICC-Eingang eigens damit beschäftigt, die Besucher zu begrüßen und zu verabschieden. Hier spricht man von der „Digital Renaissance“, so, als sei all das Digitale in den letzten Jahren vergessen und grad zufällig neu entdeckt worden.

Die einst Großen sind klein gewordden, die Kleinen groß. Alte deutsche Namen wie Grundig und Telefunken kommen nur noch am Rande vor, die kleine, feine Hi-Fi-Branche hat sich nahezu komplett verzogen – stattdessen dominieren Namen, die der deutsche Normalverbraucher noch nie gehört hat. Und es scheint, als gehe es mit dem traditionellen Fernsehen überhaupt zu Ende. Alles wird mit allem vernetzt, da ist kein Platz mehr für biedere Programmkost: Fast symbolisch säuft draußen im Sommergarten die Parade der deutschen TV-Sterne ab, während drinnen eine seltsam hermetische Welt der bunten Bilder flimmert.

Genauer: Hier flimmert ja eben nichts mehr, hier werden in höchster Detailauflösung tickende Uhrwerke gezeigt, die Kameras laben sich an den Klappen von Querflöten und den Motorhauben von Chevrolets, die durch die texanische Wüste gleiten. Immer wieder und nahezu überall: Offenbar ist die Software doch noch nicht so vielfältig, wie es die Hardware-Hersteller gern hätten.

Auffällig ist, wie die Amateurbesucher auf Distanz gehalten werden. Knöpfe zum Drehen oder Drücken gibt es zwar, aber sie sind weggesperrt. „Welcome“, das kann heute der billigste DVD–Spieler anzeigen, aber er tut es hier allemal unter einem fest verschraubten Glassturz. Nur die strategisch durch die Hallen verteilten Autos erlauben ein wenig mehr Nähe zum Produkt – die Zukunft steht dort in Gestalt eines leicht umgebauten Käfer-Cabrios mit sechs TV-Monitoren am Armaturenbrett und je drei in den Türen, und hinten, wo früher die Kinder saßen, wummert ein Bass-Erdbeben.

Musik überall mit kakophonischen Übergängen zwischen den Ständen, manchmal sogar live. Das klingt inzwischen ein wenig seltsam: Bei einem italienischen Bildschirmhersteller spielt ein Jazztrio mit lebendigen Musikern, aber niemand schaut hin, es wirkt in seiner altmodischen Art irgendwie fremd, analog. Gibt es denn keinen Bildschirm mit Surround-System für die Jungs, damit sie uns vertrauter vorkommen?

Bei der T-Com gibt es unterdessen Luftgitarren zu gewinnen, das ist konsequent. Alles wird eins, drohen die Monitore, und dann erfahren wir doch noch was: „Breitband ist, wenn ich auf einen Knopf drücke, und alles kommt angerauscht.“ Dieser Knopf ist Freitag unter dem Funkturm ganz sicher gedrückt worden.

Ifa, bis 6.9., tägl. 10 bis 18 Uhr. Tageskarte 13 Euro, im Vorverkauf 9,50 Euro.

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