Berlin : Die Zuneigung ist abgekühlt

Drei Amerikaner in Berlin: Das Mitgefühl nach dem 11. September hat sie alle beeindruckt – jedenfalls in den ersten Wochen danach

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Von Lars von Törne

Gary Smith erfuhr es im Auto. Gayle Tufts war gerade beim Arzt. Und Tiffany Smith erwischte es im Urlaub. Die Gedanken, die sie danach überfielen, waren bei allen Dreien ähnlich: Schock, Trauer, Unglauben, dann die stundenlange Sorge um Freunde und Angehörige. Auch die unmittelbaren Reaktionen ihrer deutschen Freunde, Nachbarn und Kollegen haben der Direktor der American Academy, die Entertainerin und die Managerin des Wirtschafts-Fernsehsenders CNBC ganz ähnlich erlebt. Die Welle der Solidarität und des Mitgefühls der Deutschen hat sie alle sehr berührt. Hier enden die Parallelen. Wenn es um die zwölf Monate nach dem Anschlag geht, um den Afghanistan-Einsatz, die Politik von George W. Bush und die deutsche Kritik daran, unterscheiden sich die Empfindungen der drei sehr voneinander. Von einer gemeinsamen Wahrnehmung der Amerikaner in Berlin keine Spur. Im Gegenteil.

„Ich habe mich über dieses Thema mehr mit anderen Amerikanern gestritten als mit Deutschen“, erzählt die Sängerin Gayle Tufts (42), die derzeit mit ihrem deutsch-amerikanischen Kauderwelschprogramm „The wahre Wahrheit“ auf Tour ist. So hat sie sich schon kurz nach den Anschlägen in einer Fernsehdiskussion mit einem konservativen amerikanischen Kommentatoren lautstark gestritten: „Er sagte nur: ’Bomb sie alle weg’ und verglich den 11. September mit dem Holocaust. Ich habe gesagt: ’So denken nicht alle Amerikaner’. Er hat gesagt: ’Doch, so fühlen wir alle.’ Ich habe mich so geschämt.“

Tufts, die 13 Jahre in New York zu Hause war und jetzt in Kreuzberg lebt, fühlt sich seit dem 11. September noch weniger von der Bush-Regierung vertreten als vorher. Sie sympathisiert mit den US-Demokraten und den dortigen Friedensgruppen, die gegen Militäreinsätze der US-Truppen protestieren. „Dieses ganze Fahnenschwenken, diese Einstellung: Tretet ihnen in den Hintern – das kann ich nicht leiden.“ Andererseits empfand sie es auch als sehr unangenehm, dass in Berlin nach der ersten Welle der Solidarität die öffentliche Stimmung zunehmend in pauschale Kritik an den USA umschlug. „Das war ein schreckliches Gefühl, als auf den Anti-Bush-Demos amerikanische Flaggen verbrannt wurden. Dieses Schwarzweiß-Denken, das alles den Amerikanern zuzuschreiben, das ist einfach zu simpel.“ In ihrem Freundeskreis spürt Gayle Tufts bis heute eine große persönliche Solidarität mit der amerikanischen Bevölkerung, die durch die Kritik an der Politik Bush-Regierung nicht getrübt wird: „Viele Deutsche können genau trennen, dass nicht jeder Amerikaner für Bush ist.“ Ihr Wunsch, was die Deutschen als Lehre aus den vergangenen zwölf Monaten tun sollten, ist ein ganz pragmatischer: „Bitte wählt Schröder, damit sich Deutschland weiterhin für Verhandlungen statt für Bomben stark macht.“

Das sieht Gary Smith (48) anders. Der Director der American Academy in Wannsee ist vom Umgang der Deutschen mit den Folgen des 11. September enttäuscht. Der Philosophiehistoriker, der vor 18 Jahren aus Texas nach Deutschland kam, beklagt vor allem zwei Dinge: die „relativ unreflektierte, wenn nicht sogar uninformierte Argumentation in den Medien“, sowie eine „gefährliche Bereitschaft, den Kampf gegen den Terror für den Wahlkampf zu instrumentalisieren“. Nicht zuletzt durch Gerhard Schröders Position hätten die transatlantischen Beziehungen „einen historischen Tiefpunkt nach dem Zweiten Weltkrieg“ erreicht. Viele Deutsche verwechselten den Patriotismus in den USA mit „Kriegsfieber“. Auch hätten viele Deutsche in den vergangenen Monaten wieder vergessen, dass die Bedrohung durch islamistische Terroristen keineswegs vorbei sei. „Ich wünsche mir eine sachlichere Analyse der unmittelbaren Gefahr des Terrorismus und seiner Bekämpfung.“

In seinem privaten Umfeld und auf der politischen Ebene befürchtet Smith eine zunehmende Entfremdung zwischen Amerikanern und Deutschen in Berlin als Folge des fehlenden Verständnisses für amerikanische Sorgen. „Seit dem 11. September bin ich mir meiner politischen Rolle als Amerikaner in Deutschland stärker bewusst geworden, ja, sie hat sich sogar in den Vordergund gedrängt. Und ich bin politisch konservativer geworden, indem ich den militärischenEinsatz in Afghanistan befürwortet habe.“

Managerin Tiffany Smith (34) hingegen hat die kritischen Stimmen von deutschen Freunden oder Kollegen nicht als Affront erlebt. „Diese Kritik an der US-Kampagne gegen den Terror ist etwas ganz Normales“, sagt die Regionaldirektorin Nordeuropa des US-Fernsehsenders CNBC, die ihr Büro unweit des Gendarmenmarktes hat. Das gehöre nun mal zu einer Demokratie dazu. „Die Solidarität und das Mitgefühl wegen dem, was am 11. November passiert ist, habe ich aber weiterhin gespürt.“ Natürlich habe es im Freundeskreis immer wieder kontroverse Diksussionen gegeben. Aber die deutsche Gegenposition zur US-Regierung habe sie nie als Kritik an den Amerikanern allgemein gesehen. „Eine allgemeine Spannung zwischen Deutschen und Amerikanern empfinde ich nicht.“ Zumal sie selbst auch nicht wisse, welches der richtige Umgang mit der Bedrohung ist. „Nach zehn Jahren in Deutschland habe nicht mehr so eine stereotype amerikanische Sichtweise. Meine Meinung ist offener, irgendwo zwischen der europäischen und der amerikanischen.“

Veränderungen an sich selbst hat Tiffany Smith weniger auf der politischen, mehr auf der persönlichen Ebene erlebt: „Ich bin nicht mehr so relaxt wie vorher.“ Ihre Sensibilität für mögliche Bedrohungen hat zugenommen, was sich in den Büro ihres Senders ganz praktisch in zusätzlichen Sicherheistvorkehrungen niedergeschlagen hat. „Auch denke ich anders über die Bedeutung des Lebens nach. Darüber, wie man es gestaltet, weil es möglicherweise kürzer ist, als man denkt.“

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