Berlin : Diebe im Blaumann klauen Straßenpflaster

MATTHIAS OLOEW

BERLIN .Sie sind alt, sie sind selten und sie sind vor allen Dingen teuer.Deshalb werden die Granitplatten, die auf Berliner Gehsteigen verlegt sind, zum begehrten Diebesgut.Auf 140 Metern Länge sind sie jetzt in der Weddinger Gartenstraße verschwunden, den reinen Materialschaden beziffert das Weddinger Tiefbauamt auf 40 000 Mark.Es ist nicht das erste Mal, daß Diebe Straßenpflaster mitgehen lassen.Auch am Schiffbauerdamm in Mitte waren die Plünderer schon.Aber es verschwinden auch Bänke, Sträucher und Schilder.

Auf Berlins Straßen und Fußwegen sind edle Materialien verbaut.Die Granitplatten wurden schon im alten Berlin verwendet und sind heute auf dem Markt kaum noch zu bekommen.Die wuchtigen Bordsteine sind ebenfalls aus diesem Material.Beide werden heute noch vor allem aus denkmalpflegerischen Gründen verlegt.Zusammen mit dem handlichen dunkelgrauen Mosaikpflaster machen sie das typische Berliner Erscheinungsbild ("Charlottenburger Pflaster" genannt) auf den Gehsteigen aus.Die Steine sehen gut aus und sind sehr belastbar.

Beim Gehwegbau wird auch heute nicht gespart.In der Friedrichstraße zum Beispiel, die in den vergangenen Jahren neu gepflastert wurde, sollten es nicht einfach nur quadratische Betonplatten sein.Hier sind sie hochpoliert, nachbehandelt und schlagen entsprechend zu Buche.Die Mehrkosten tragen oft auch Bauherren, die vor ihrem edel erscheinenden Neubau ein adäquates Straßenpflaster sehen möchten.Dennoch sind die Betonplatten wesentlich billiger als ihre Vorgänger aus Granit.Am Reichstag werden derzeit besonders aufwendige und schwere Steine verbaut, um dem besonderen Stellenwert der Straßen Rechnung zu tragen.

Neu ist die Dimension des Straßenklaus.Verschwinden ansonsten reihenweise Straßenschilder, sind nun vor allem auch Parkbänke beliebt.Frisch gepflanzte Rabatten und Sträucher werden in private Gärten umgesetzt.Verkehrszeichen gelten vor allem als Erinnerungsstück an die Straße, in der man lange wohnte, oder dienen als Zwischenlösung, um Parkverbotsschilder für den Umzug parat zu haben.Genaue Zahlen über die Schäden gibt es jedoch nicht, da die vermißten Schilder zum Beispiel bei den laufenden Routine-Reparaturarbeiten ersetzt werden.

Baumaterialien haben bislang vor allem dann den Besitzer gewechselt, wenn sie frei zugänglich gelagert wurden.In solchen Fällen haftet allerdings die beauftragte Straßenbaufirma.Fest steht jedoch, daß es bei den Materialschäden alleine nicht bleibt.Rund 150 000 Mark, schätzt der Weddinger Tiefbauamtsleiter Manfred Knigge, wird das neue Straßenpflaster in der Gartenstraße kosten.Aus denkmalpflegerischen Gründen sollen hier wieder Granitplatten verlegt werden.Da diese jedoch rar sind, sollen sie an anderer Stelle entnommen und in die klaffende Lücke nahe dem Nordbahnhof wieder eingebaut werden.

Die Diebe in der Gartenstraße gingen professionell vor.Sie sollen gleich mit mehreren Lastwagen vorgefahren sein und hatten in Seelenruhe das Pflaster aufgehebelt.Danach wurden die zentnerschweren, bis zu zehn Zentimeter dicken Platten mit einer Ladevorrichtung auf die Pritschen gehievt und abtransportiert.Um den aufgestemmten Gehweg haben die Diebe ein rot-weißes Absperrband gezogen.Nachbarn waren aber skeptisch geworden, weil die Arbeiter bis in die Abendstunden werkelten.Sie notierten sich das Kennzeichen eines der Lastwagen.

Zum Problem wird der Diebstahl vor allem in den Stadtgebieten, wo die soziale Kontrolle fehlt.Die Gehwegplatten, die in der Gartenstraße mitgenommen wurden, befanden sich in einem Teil der Straße, wo nur wenige Menschen leben und kaum Verkehr herrscht.Für regelmäßige Kontrollen fehlt das Personal.Hilflos sind die Tiefbauämter jedoch nicht, sie verlassen sich auf die Zusammenarbeit mit der Polizei.Ertappt werden die Diebe indes erst, wenn die als Arbeitskolonne getarnte Mannschaft auffällt, zum Beispiel dadurch, daß sie zu ungewöhnlichen Tageszeiten arbeitet.

Ernüchterung macht sich über die Begehrlichkeit der Diebe breit.So hatte das Weddinger Tiefbauamt den freigelegten Gehsteig mit festen Planken abgesichert, um der gesetzlichen Kennzeichnungspflicht einer Baustelle nachzukommen.Kaum aufgestellt, waren auch die Holzplanken wieder verschwunden.

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