Berlin : Diebstahl in Bibliotheken: Nach langer Beratung ließ die alte Dame das Buch mitgehen

Tanja Buntrock

Wenn Evelin Müller, Amtsleiterin der Anna-Seghers-Bibliothek in Lichtenberg, abgeknibbelte Sicherheitsstreifen in den Papierkörben, auf dem Klo, unter den Regalen oder versteckt hinter den Buchreihen findet, dann weiß sie, was los ist: Wieder ein paar Bücher gestohlen. Mit Nagelscheren, Messern oder spitzen Fingernägeln friemelten Diebe die Sicherheitsstreifen auf den Buchrücken ab, berichtet Müller. Eine andere beliebte Variante: Jemand sackt die Bücher geschwind in einen Beutel ein und wirft sie aus dem Fenster. Unten wartet schon ein Komplize und nimmt den Büchersack mit.

Diese kriminelle Energie brächten längst nicht nur junge Menschen auf, sagt Müller. Einmal habe sie intensiv eine ältere, gepflegte Dame zu verschiedenen Buchtiteln beraten. Besonders für ein Werk über Altenpflege habe sich die Frau interessiert - und es irgendwann eingesteckt. Mit hochrotem Kopf gab die alte Frau den Diebstahl zu.

Wie viele Bücher im Jahr wirklich verschwinden, kann niemand genau sagen. Da erst seit kurzem die Computer im sogenannten "Verband Öffentlicher Bibliotheken Berlin" (VÖBB) vernetzt wurden, kommt eine Statistik über geklaute Bücher erst in einem Jahr heraus. Zudem muss bei vermissten Büchern geklärt werden, ob das fehlende Buch nur verstellt oder tatsächlich gestohlen ist. Von den insgesamt sechs Millionen Büchern in den öffentlichen Biblilotheken seien schätzungsweise pro Jahr etwa 600 000 Bücher unbrauchbar, weil sie abgegriffen und vollgeschmiert seien. Rund 300 000 Medien werden geklaut - neben Büchern auch CDs, Videos und neuerdings DVDs.

Gerade mit DVDs, also Videodiscs, hat Ursula Seibel, Amtsleiterin der Bezirksbibliothek im Einkaufszentrum "Forum Neukölln", schlechte Erfahrungen gemacht. Von den 200 Spielfilm-DVDs, die nach den Schulferien einsortiert wurden, seien gleich am ersten Tag 28 geklaut worden. "Die Diebe haben die Schatullen gewaltsam aufgebrochen." Doch genug Personal für Kontrollen habe sie nicht - auch nicht für Stichproben. Konsequenz: Die Titel fehlen im Bestand, weil das Geld nicht reicht, um sie nachzubestellen. Die beliebten Pop-CDs sind mittlerweile nur noch im Magazin erhältlich. "Wenn das so weitergeht", klagt Seibel, "gibt es bald gar keinen Freihand-Bereich mehr." Dann bleibt nur noch ein Nachruf zu schreiben auf die freie, öffentliche Bibliothek, die doch eigentlich zum Lesen inspirieren soll.

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