Berlin : Dienstleistung: Anrufbeantworter

Steffi Bey

Obwohl Benjamin Kraatz nicht außergewöhnlich neugierig ist, geht er ständig an fremde Telefone. Er nimmt Gespräche entgegen und notiert auf einem Zettel, worum es dem Anrufer geht. Der 22-Jährige ist einer der ersten Handy-Sitter Berlins. Man sieht den jungen Mann seit etwa sechs Wochen Abend für Abend im Schöneberger Restaurant "Shima".

Manchmal unterstützt ihn Stefanie Meisel, auch eine Auszubildende der Telefonfirma BlueTel. Bis zu 20 Mobiltelefone mussten sie schon gleichzeitig betreuen. "Ich bin total überrascht, dass sich so viele Leute auf unseren Service einlassen", gibt Benjamin Kraatz zu. Anfangs hat er selbst die Gäste auf das Angebot hingewiesen. Inzwischen tut das der Restaurantchef bei der Begrüßung der Gäste. "Die meisten geben bereitwillig ihr Telefon aus der Hand", sagt Ernesto Kuoni. Einige würden es auch ausschalten, obwohl sie dazu nicht verpflichtet sind.

Kuoni findet die Atmosphäre im Restaurant jetzt viel angenehmer. "Weil das ständige Klingeln und hektische Telefonsuchen beim Essen wegfällt", erklärt er. Dank der Handy-Sitter geht kein Anruf verloren. Sie haben sich ihr "Büro" an einem breiten Bord in der Lounge der Gaststätte aufgebaut. Unter jedem Telefon liegt ein Zettel, auf dem der Name des Besitzers und die Nachrichten notiert werden.

Knut Müller, ein Gast im "Shima", findet die Neuerung prima. "Es könnte sein, dass mich Geschäftspartner erreichen wollen", sagt der Tempelhofer. Er gehört zu den Gästen, die sich erst beim Rausgehen ihre Informationen abholen. "Wer will, kann auch sofort am Tisch benachrichtigt werden", sagt Kraatz. Boulevard Berlin:
Was die Stadt bewegt... Wie reagieren eigentlich die Anrufer am anderen Ende der Leitung, wenn sich der Sitter meldet? "Zunächst mit einer kleinen Pause", erzählt Stefanie Meisel. Die Leute überlegen, ob es sich um einen Anrufbeantworter handelt. Eigentlich ist es ja auch einer, nur eben kein automatischer; der Piepton fehlt auch.

Das Ulkigste, was Benjamin Kraatz bisher zu übermitteln hatte, war eine Bestellung von Plastikabdeckungen für Klaviere. Stefanie Meisel musste schon einmal mit einer eifersüchtigen Ehefrau eines Restaurantbesuchers verhandeln. "Die konnte absolut nicht verstehen, weshalb eine fremde Frau am Telefon ihres Mannes war", erinnert sich die Sitterin. Natürlich seien diese Einblicke in das Privatleben der Leute auch spannend. "Aber dieser Job verlangt Diskretion".

Wahrscheinlich wird es demnächst in Berlin noch mehr Restaurants geben, die diese Dienstleistung anbieten. "Die derzeitige Testphase läuft recht ordentlich", äußert sich die BlueTel-Marketing-Chefin, Viola Bittner. Sie war es auch, die dem "Shima-Chef" anbot, das Handy-Sitting in seiner Gaststätte auszuprobieren. "Er beschwerte sich bei mir am Stammtisch über das ständig störende Klingeln", erzählt sie. So kam sie auf die Idee, die so neu nicht ist: In den USA ist der Service weit verbreitet.

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