Berlin : Dienstleistungen Berlin/Brandenburg: Ein Zentrum des Wissens

Klaus F. Zimmermann

Die Wirtschaftsregion Berlin-Brandenburg befindet sich zehn Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer im Strukturwandel. Nach wie vor geht es mit dem Verarbeitenden Gewerbe bergab. Und beim Baugewerbe spricht man nicht mehr von Krise, sondern nur noch von der Sonderkonjunktur, die die Branche nach der Wiedervereinigung erlebte, und die erst einmal beendet ist. Das Wachstum der Region liegt unter dem Bundesdurchschnitt - als Erfolg gilt schon, dass im vergangenen Jahr der Abbau von Arbeitsplätzen erstmals zum Stillstand gekommen ist. Aber das magere Wachstum reicht nicht aus, um die Arbeitslosigkeit nachhaltig abzubauen.

Bei so viel trüben Aussichten darf man die Lichtblicke nicht vergessen. Ein solcher Lichtblick ist der Dienstleistungsbereich, der zum Wachstumsmotor der Region geworden ist. Da passt es gut, dass der Bauboom, der 1996 seinen Höhepunkt erreichte, der Entwicklung vorauseilte. Denn seit Mitte der neunziger Jahre gibt es in der Region Berlin-Brandenburg reichlich Gewerbe-Immobilien. Viele standen lange leer, die Nachfrage fiel hinter das weit vorauseilende Angebot zurück. Doch gerade dieses Überangebot an Immobilien und die daraus resultierende entspannte Mietsituation in der Region ist ein entscheidende Standortvorteil für die "New Economy". Dienstleistungsanbieter sind zugleich Büroflächennachfrager. Hier kommt der "New Economy" der entspannte Berliner Büroflächenmarkt zugute. Neben den klassischen Nutzern wie Banken und Versicherungen suchen vor allem Unternehmen der Medien- und IT-Branche repräsentative Büroflächen. Doch wesentlich wichtiger als eine erstklassige Adresse ist für die "New Economy" eine moderne Büroausstattung, Hightech bei Installation und Verkabelung, sowie eine gute Verkehrsanbindung. Dies führt dazu, dass nicht nur ausgewählte Stadtquartiere sondern auch der unmittelbare Cityrand in Brandenburg vom Boom im Dienstleistungssektor profitiert. In der gesamten Region Berlin-Brandenburg bildet sich ein sehr starker Dienstleistungssektor heraus. Schon heute arbeitet jeder dritte Berliner im tertiären Sektor. Eine zukunftsorientierte Wirtschaftspolitik sorgte dafür, dass auf neue Technologien setzende Unternehmen in der Region Berlin-Brandenburg ideale Startbedingungen vorfinden. Über 8000 Firmen der Medien- und IT-Branche mit 100 000 Beschäftigten können bereits in Berlin gezählt werden. Sie erwirtschaften einen Umsatz von rund zehn Milliarden Euro.

Darüber hinaus zählt die Region Berlin-Brandenburg zu der am schnellsten wachsenden Biotechnikregion Deutschlands. 114 Firmen mit 3700 Beschäftigten entwickelten rund 11 Prozent aller Patente in diesem Bereich. Insgesamt kommen in Berlin auf je 10 000 Einwohner statistisch gesehen 17 Firmenneugründungen - Damit liegt die Hauptstadt deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Bleibt die gründerfreundliche Atmosphäre erhalten, dann könnte sich dieser Trend sogar noch verstärken. Es ist ein entscheidender Schlüsselfaktor für die Investitionsentscheidung der Hochtechnologie-Unternehmen, dass die Region Berlin-Brandenburg ein Zentrum des Wissens ist. Wachstum wird im 21. Jahrhunderts nicht mehr durch Stahl und Beton und rauchende Schlote gemessen, sondern durch den Fortschritt des Wissens und das verfügbare Humankapital. Gerade im Wissensfortschritt hat die Region mit ihren sechs Universitäten und 18 Hochschulen sowie zahlreichen renommierten Forschungsinstituten und Technologiezentren wichtige Aktivposten, mit denen sie im internationalen Standortwettbewerb durchaus wuchern kann. Denn die Region bietet die dichteste Forschungslandschaft Deutschlands. Eine stärkere Konzentration der Universitäten und Hochschulen auf die Sparten, die als besonders zukunftsfähig gelten, ist geboten. Studienplatzbeschränkungen beispielsweise bei den Studiengängen für Informations- und Kommunikationsberufe wären für die gesamte Entwicklung der Region kontraproduktiv.

Ein bedeutender Standortfaktor, der Berlin-Brandenburg zu einem soliden wirtschaftlichen Fundament verhelfen kann, wenn man seine strategische Bedeutung erkennt und aktiv nutzt, ist geographischer Natur: die Grenze zu Polen. Noch befindet sich die Region Berlin-Brandenburg am Rande der Europäischen Union. Dies bewirkt, dass sich die Integration des Binnenmarktes nach Westen ausrichtet, die Freizügigkeit nach Osten aber streng limitiert ist. Die Osterweiterung der Europäischen Union wird aber die Randlage Berlin-Brandenburgs aufheben. Die Region wird nicht nur geographisch in der Mitte des Kontinents liegen, sondern auch durch seine zentrale Lage im Herzen Europas als Standort von handelsstrategischer Bedeutung und als Logistikdrehkreuz für Ost-West-Wirtschaftsbeziehungen fungieren. Neue Arbeitsplätze werden im Zuge der Osterweiterung im Grenzgebiet Deutschland/Polen entstehen. Sollen hier die Potenziale genutzt werden, dann muss die Wirtschaftspolitik handeln: Es gilt, Strategien zu entwerfen, um flexibel auf die Bedürfnisse der neuen Unternehmen reagieren zu können, und um partnerschaftlich die polnische Seite einzubeziehen. Eine wichtige Aufgabe hat dabei die Wirtschaftsförderung: Den vorwiegend mittelständisch geprägten Betrieben der Region fehlt es häufig am notwendigen Eigenkapital, um das Risiko einer Zahlungsverzögerung bei ausländischen Lieferbeziehungen eingehen zu können. Für die Bereitstellung des Kapitals müssen die richtigen Rahmenbedingungen gesetzt werden. Eine gute Kulturpolitik ist zugleich auch eine effektive Wirtschaftsförderung. Wissensintensive Dienstleistungsanbieter beschäftigen hochqualifizierte Mitarbeiter, und diese erwarten wiederum einen hohen Wohn- und Freizeitwert auch durch ein attraktives und vielfältiges kulturelles Angebot. Durch eine wohl akzentuierte Kulturförderung kann die Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg eine Magnetwirkung auf qualifizierte Arbeitskräfte haben. Die Region Berlin-Brandenburg muss selbstbewusst die sich jetzt bietenden Chancen ergreifen. Innerhalb von weniger als zwei Jahrzehnten hat eine Region zum zweiten Mal die Gelegenheit zu einem Strukturwandel, der enorme Wachstumskräfte freisetzen kann. Nach der Wiedervereinigung kommt jetzt die Ost-Erweiterung. Der erste Wandel kostete Lehrgeld. Jetzt gilt es, die Erfahrungen zu mobilisieren und ideenreicher zu sein. Schon in wenigen Jahren geht es los. Und diesmal gilt: Der Zeitpunkt für den Wandel steht fest, es gibt keine Entschuldigung für schlechte Vorbereitung.

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