Berlin : Dienstreise ins Grüne

Behörde auf Betriebsausflug: Die Mitarbeiter werden motiviert, die Bürger stehen vor verschlossenen Türen

Fatina Keilani

„Bei euch gibt es – was?? Wäre hier undenkbar!“, sagt der Amerika-Korrespondent. „Das würde sofort als Verschwendung von Steuergeld gegeißelt!“ Die Rede ist von Betriebsausflügen der öffentlichen Verwaltung während der Dienstzeit. In anderen Ländern, etwa den USA oder Großbritannien, ist derlei völlig unbekannt. In Berlin hingegen fuhr am Freitag vergangener Woche die komplette Kfz-Zulassungsbehörde mit 320 Beschäftigten für einen Tag nach Waren/Müritz. Am letzten Donnerstag standen Besucher der Staatsbibliothek vor verschlossener Tür, weil die Belegschaft einen Ausflug machte. In beiden Fällen gab es keine Notbesetzung. Zwar waren die Schließungen angekündigt worden. Dennoch lösten sie bei manchen Kopfschütteln aus.

Im Grundsatz jedoch lässt sich festhalten: So richtig streichen möchte niemand den amtlichen Betriebsausflug. Dafür allerdings alle Schalter zu schließen, wollen die meisten auch nicht hinnehmen. „Am selben Tag wie die Kfz-Zulassungsstelle hatten auch wir von der IHK unseren Betriebsausflug“, sagt der Sprecher der Industrie- und Handelskammer, Stefan Siebner. „Aber wir sind erst um 13 Uhr losgefahren, jede Abteilung blieb besetzt, kein Kunde wurde abgewiesen.“

Grundsätzlich finde er Betriebsausflüge in Ordnung, sogar auf Kosten des Steuerzahlers. Dafür habe man im Idealfall eine gut motivierte Mannschaft. Aber: „Öffentliche Dienstleistungen sind für den Kunden da, den kann man nicht draußen stehen lassen.“

Nach Angaben der Innenverwaltung gibt es eine interne Anweisung, nach der ein Notbetrieb gewährleistet sein muss. Die Behörde ist zuständig für das Personal des öffentlichen Dienstes; das Recht auf Betriebsausflug wird dort nicht infrage gestellt. Eine zentrale Regelung gibt es nicht. „Jede Dienststelle entscheidet selbst über Ausflüge, und längst nicht jede macht einen“, sagt Hauptpersonalrat Dieter Klang. Auch die Frage der Notbesetzung entscheidet jede Dienststelle selbst.

„Eine Notbesetzung zu organisieren, ist wirklich ein Leichtes“, sagt Andreas Splanemann von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. „Es sind immer Mitarbeiter dabei, die nicht mitfahren.“ Gegen Betriebsausflüge spreche nichts, solange die Bürger nicht darunter zu leiden hätten. Ähnlich hatten sich Politiker zum Ausflug der Kfz-Zulassungsstellen geäußert.

Dass so ein Ausflug sich trotz allem rechnet, darin sind sich Siebner, Klang und Splanemann einig. Der Leiter des Landeseinwohneramtes, Dietmar Wisotzky, hatte es auf die Formel gebracht, durch die Ausflüge sei die Motivation der Mitarbeiter gestiegen, ebenso ihre Bereitschaft zu Veränderungen.

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