Berlin : Diepgen redet Klartext: Der Alte will es noch mal wissen

Dem ehemaligen Regierenden gefällt seine Redefreiheit. Und plötzlich hören ihm selbst die Jungen in der CDU zu

Werner van Bebber

Der Mann muss noch immer politiksüchtig sein. Eberhard Diepgen, Rechtsanwalt, ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin und neuerdings Ehrenvorsitzender der Berliner CDU, macht es heute wie früher: Er kündigt bescheiden „ein paar einleitende Anmerkungen“ an. Dann redet er aus dem Stegreif 40 Minuten und mehr über das, was in Berlin passieren sollte, und über das, was nicht passieren darf. Am 14. Februar hat ihn seine CDU zum Ehrenvorsitzenden gewählt – nun häufen sich Diepgens Auftritte als „elder statesman“. Am politischen Aschermittwoch haben sie ihn in die Arminius-Markthalle eingeladen, wo er, zum Anlass passend, deutlich wurde. Anfang Februar hatte er vor mittelständischen Unternehmern so animiert politisiert, dass der Abgeordnete Kurt Wansner ihn bat, Parteifreunden aus Kreuzberg und Friedrichshain die Richtlinien der Politik zu vermitteln. Und es zeigte sich: Diepgen hat noch immer – oder wieder – viele Anhänger in der CDU. Dass die ihm heute vielleicht noch lieber als früher zuhören, könnte am neuen Vortragsstil des Ex-Regierenden liegen: Anders als früher scheut Diepgen steilere Thesen nicht und sagt deutlich, was er richtig findet.

Heute würde er, wenn man ihn denn regieren ließe, sozusagen Mehrwert schaffen wollen. Mehr Wirtschaft müsse in die Stadt, sagt er, mehr Flugverkehr. Die Stadt müsse mehr aus den Universitäten machen und mehr aus der Wissenschaft, die hier angesiedelt ist. Typisch Diepgen: Im Verzicht auf große Worte und dröhnende Begriffe erweist er sich als geborener Berliner, für den die Stadt einfach groß und vielseitig und nicht in ein Konzept zu zwingen ist, ein wenig ausgemergelt zwar, aber auch lebenstüchtig und energiegeladen. Eigenschaften, die in den nächsten Jahren noch intensiver als jetzt gefordert sein werden, meint Diepgen. EU-Osterweiterung und Globalisierung würden auch die Berliner Politik mächtig beeinflussen – und den Berlinern werde es dadurch nicht besser gehen als heute. Diepgen erwartet „Nivellierung in immer größeren Gebieten“. Also weniger Wohlstand für alle – die Berliner kennen das. Die Globalisierung sei „ohne Alternative“, doch mit der EU-Erweiterung werde sie zu insgesamt sinkendem Lebensstandard führen: „Es geht nach unten und nicht nach oben.“ Die anwesenden türkischstämmigen Kreuzberger CDU-Mitglieder hörten es nicht gern, doch Diepgen hält nichts davon, mit der Türkei über einen EU-Beitritt zu verhandeln. Beitrittsverhandlungen würden bedeuten, dass die Europäische Union nicht mehr sein werde als eine große Freihandelszone; eine „Vertiefung“ könne man vergessen.

Aus alledem ergibt sich für Diepgen so etwas wie ein politisches Gebot der Oppositionsarbeit: „Der Senat darf keine unkorrigierbaren Dinge machen“, sagt Diepgen etwas hölzern – bloß nicht zulassen, dass der Tempelhofer Flughafen geschlossen wird, bloß aufpassen. Da kommt der West-Berliner durch, für den die CDU die Kleine-Leute-Partei ist, über die Entwicklungen grob hinweg- gehen. Deshalb die nicht ganz unriskante Bemerkung, Sparen sei nicht alles: Diepgen weiß, dass es die nicht so Reichen waren, die sich durch eine sehr sozialstaatlich orientierte Berliner CDU in den achtziger und neunziger Jahren vertreten gefühlt haben. „Berlin-Partei“ soll die CDU sein – das ist noch immer der emotionalste Begriff, den Diepgen verwendet, das kommt von Herzen.

Den Sarrazinschen Sparkurs scheint er fast für anti-berlinisch zu halten. Denn für Diepgen war es nicht die Berliner Politik, die die Stadt in die Megaverschuldung geführt hat, sondern eine erbarmungslose CDU-geführte Bundesregierung. Nach 1994 habe Berlin 35 Millionen Euro verloren. Das ist für Diepgen die Masse der Schulden. Da kann man zugeben, dass man in den hoffnungsfrohen neunziger Jahren etwas viel Geld ausgegeben hat. Dem so geläuterten Diepgen applaudieren sogar die Jungen in der CDU.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben