Berlin : Diepgen tanzt ab (Kommentar)

Rüdiger Schaper

Kulturdebatte im Berliner Parlament, Hauptstadtkultur auf allen Kanälen: Die Auseinandersetzung gewinnt nicht an Intelligenz, jedoch an Schärfe. Eine Woche ist vergangen seit dem Rücktritt Christa Thobens, und schon beschleichen einen Zweifel, ob dies wirklich der notwendige Befreiungsschlag, der Wendepunkt in der versumpften Berliner Kulturpolitik war. Dass die Ex-Senatorin vor allem Staatsminister Michael Naumann für die Misere verantwortlich macht, zeugt nicht von Einsicht und profunder Sachkenntnis. Es irritiert.

Obwohl doch alle Welt weiß, dass der Regierende Bürgermeister seine Kultursenatorin - und Stellvertreterin - im Regen stehen ließ, wahrt Thoben Disziplin. Parteidisziplin. In der CDU werden bald allerhand Posten neu vergeben. Und das hat Thoben schnell erkannt: Ewigen Ruhm erwirbt man sich als Kultursenator in Berlin eher nicht. Man wird davongejagt oder tritt selbst den Rückzug an; später wie Peter Radunski, früher wie Christa Thoben. Oder hat sie mehr gewusst? Ahnte sie, was auf sie zugekommen wäre - ein neues Schiller-Massaker, verbunden mit ihrem Namen?

Eberhard Diepgen beleidigt neuerdings Künstler und Intendanten. Wer "abgelatscht, abgetanzt" sei, solle gehen. Harte Worte. Guck mal, wer da spricht! Mit seinen vierzehn Amtsjahren gehört Diepgen nicht gerade zu den Debütanten auf dem Berliner Parkett. In all der Zeit hat er im Grunde nie ein eindeutiges Bekenntnis zur Kultur abgelegt, sie war ihm immer fremd. Diepgens Einlassungen zu kulturpolitischen Fragen haben auch stets eine leichte Aversion im Unterton. Nun wird er richtig pampig. Etwas ist im Gange. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Klaus Landowsky, Diepgens Strippenzieher seit eh und je, spricht plötzlich von "möglichen Theaterschließungen". Das wolle man zwar nicht, es sei denn, die Bühnen machten sich durch "mangelnde Qualität überflüssig" und das Publikum bleibe aus.

Seltsam: Berlins Theater und Opernhäuser erleben gerade einen Publikumsansturm. Was will Landowsky da schließen? Die Liquidierung des Schiller-Theaters vor sieben Jahren kam über Nacht. Sie entsprang keinem Konzept und hatte keine kulturpolitischen Konsequenzen. Jetzt scheinen sich Diepgen und Landowsky wieder für einen Angriff aufzuwärmen. Aber Wege aus der Krise eröffnet Diepgen nicht. Er macht nicht einen einzigen Reformvorschlag. Hat absurde Ideen, wer Thoben nachfolgen könnte. Beschimpft den Bund, er solle zahlen, aber sich raushalten. Abgetanzt, abgelatscht: Der Bumerang fliegt zurück auf Diepgens Alt-Berlin-Ballett.

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