Berlin : Diese Braut will keiner küssen

Seit fünf Jahren liegt der Spreepark im Plänterwald brach. Die Rettungschancen scheinen geringer denn je

Stefan Jacobs

Berlin - Wie gefroren stehen die Reste des Rummels im Plänterwald. Die blechernen Kassenhäuschen sind ausgeweidet. Das Gestrüpp hinter dem Zaun hat längst die Schaukelpferde umschlungen. In einer Ecke steht eine Achterbahn, an einer Wand lehnen bunte Plastikgondeln, Gleise einer Kleinbahn ziehen sich durchs Laub. „Privatgrundstück, Betreten verboten“, steht auf neuen Schildern. Unterschrift: Liegenschaftsfonds Berlin. Und während die Stadt von Aussichtsrädern ganz neuer Dimension träumt, ragt das rostige Riesenrad aus dem Spreepark über den Plänterwald wie eine weithin sichtbare Warnung vor zu groß geratenen Träumen.

Fünf Jahre nach seiner Schließung dämmert der einst von Millionen besuchte Freizeitpark am Treptower Spreeufer allmählich vom Dornröschenschlaf in den klinischen Tod hinüber: „Es gibt kein Licht am Horizont“, heißt es beim Liegenschaftsfonds, der das Gelände vermarkten soll. „Es gibt keinen ernsthaften Interessenten.“ Die „Bild“-Zeitung präsentierte kürzlich den Schweizer Ufo-Experten Erich von Däniken als Kandidaten, die „taz“ eine Handvoll niedersächsischer Studenten mit Ambitionen für eine Öko-Hochschule, aber ohne Geld.

Vor gut einem Jahr wurde noch mit den Betreibern des Kopenhagener „Tivoli“ verhandelt; darunter wollte es niemand machen. Pläne des französischen Unternehmens Grévin und des Besitzers des im Spreepark gelegenen Westerndorfes wurden nicht weiterverfolgt. Und nach der Absage von „Tivoli“ wegen wirtschaftlicher Bedenken im Oktober 2005 blieb nichts Handfestes – abgesehen von den mehr als zehn Millionen Euro Schulden, die der frühere Pächter aufgehäuft hat und die die Deutsche Bank nun gern vom Land oder einem Investor zurückbekäme. Norbert Witte, der frühere Pächter, sitzt für sieben Jahre hinter Gittern, weil er sich nach seinem Misserfolg als Vergnügungsparkchef als Drogenschmuggler versucht hatte. Erst vor ein paar Wochen wurde sein Sohn wegen derselben Sache in Peru zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Dort ist also nichts mehr zu holen, und „die Insolvenzmasse dürfte Null sein“, sagt die PDS-Abgeordnete Jutta Matuschek. Wahrscheinlich wäre das Gelände inzwischen nur noch für einen Euro plus Mitgift wie Altlastensanierung abzustoßen, vermutet sie. Klar sei nur, dass das Land weiter für Verwaltung und Sicherung der Brache zahle, sodass der Schaden wachse und wachse. Ginge es nach ihr, sollte Berlin „in den sauren Apfel beißen“ und die Forderungen der Bank erst herunterhandeln und dann begleichen, „damit wieder alle Möglichkeiten offen sind“. Doch müsste das Abgeordnetenhaus beschließen. In eine ungenutzte Immobilie zwecks besserer Vermarktungschancen zu investieren, „ist vorsichtig gesagt nicht der Trend“, heißt es in der Finanzverwaltung.

Im Sommer hat das Abgeordnetenhaus den Flächennutzungsplan für den Plänterwald so verändert, dass der Spreepark in den – im Trinkwasserschutzgebiet gelegenen und ökologisch teils sehr wertvollen – Wald hineinwachsen und dichter bebaut werden dürfte. Das hat viele Anwohner empört, von denen manche den Park am liebsten komplett renaturieren würden. Doch das wollen weder Matuschek noch die neu ins Abgeordnetenhaus gewählte Stadtentwicklungspolitikerin Ellen Haußdörfer von der SPD. „Der Spreepark steht auf meiner persönlichen Tagesordnung“, sagt sie; genauere Vorstellungen habe sie noch nicht. Und der Bezirk Treptow-Köpenick ist nur Zuschauer: „Der Bebauungsplan liegt auf Eis“, heißt es dort. Details könnten erst geplant werden, wenn ein Investor seine Ideen und den Bedarf etwa an Parkplätzen präsentiere. Also kann vorerst alles in der Schublade bleiben.

Bis dahin können wohl auch die verbliebenen Bewohner des „Westerndorfes“ bleiben. Neue Jobs im Spreepark werden sie zwar so schnell nicht bekommen, aber dafür leben sie in der vielleicht ruhigsten Lage von ganz Berlin.

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