Berlin : Diese Messe hat so ’nen Bart

Die Ifa begeistert noch immer. Kathedralen aus Monitorwänden, eine Frau im Pool und der gute alte Grundig – ein Rundgang.

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Da freut sich einer. Frank Henkel, mit und ohne Bart – und einer Ifa-Spielerei. Foto: dpa
Da freut sich einer. Frank Henkel, mit und ohne Bart – und einer Ifa-Spielerei. Foto: dpaFoto: dpa

Hingehen, ansehen, nach Hause gehen, Lebensversicherung verkaufen, Erbtante um die Ecke bringen, neues Haus bauen – und dann loslegen mit all den neuen Dingen, Fernsehern, Spülmaschinen, Kühlzentralen, Lautsprechern, Toastern ... So ungefähr würde sich ein Besucher der Ifa verhalten, der die Botschaft dieser Ausstellung ernst nimmt: Alles, was du in den letzten zwölf Monaten gekauft hast, ist eigentlich seit etwa fünf Jahren Schrott. Weg damit!

Einfacher gesagt: Hier wird optisch überwältigt. Die großen Aussteller, Samsung vornweg, bauen Kathedralen aus Monitorwänden, zeigen Bilder mit messerscharfen Kanten, die beim genauen Hinsehen Schwindel erzeugen – man wittert den Ehrgeiz, die Welt digital neu zu erschaffen, nur ohne all das hässliche Zeugs der analogen Welt. Da ist es fast verwunderlich, dass die Zahl der ebenfalls analogen Hostessen von Jahr zu Jahr zunimmt, schmerzfrei stöckeln sie durch die Masse, stetig lächelnd, um keinen Rat verlegen, aber immer irgendwie im Weg.

Wenn es etwas gibt, was die Geräte dennoch menschlich erscheinen lässt, dann ist es ihre Intelligenz. Wäschetrockner, Monitore, Mixstäbe, sie alle stehen nicht einfach dumpf herum, sondern sind intelligent; eine Espressomaschine besitzt sogar ein „intelligent heating system“, und Fernsehgeräte tragen Bezeichnungen wie „2000 HZ BLS IFC 4K“, sauschlau.

Wer kein Englisch kann, intelligent oder nicht, der ist hier allerdings falsch. Alle anderen erschrecken richtig, wenn da in großen Buchstaben „75 Jahre Metz“ steht, was für eine Sprache ist das denn? Eine „Professional TV Guestroom management solution with entertaining system“ ist das Mindeste, was wir hier erwarten dürfen, bei T-mobile haben sie Worte wie Smart, Jump, Enjoy, Share, More, Touch, Laugh und Live einfach so unter die Decke gehängt, das ist ungeheuer cool.

Dank muss deshalb den großen Sendeanstalten gelten, die ihr Publikum noch auf ganz herkömmliche Weise unterhalten. Gerade ist das unsinkbare „ARD-Buffet“ live zu betrachten, der Moderator steckt zusammen mit einer hysterisch gackernden Expertin Blumen in einen Kasten, nebenan rührt ein Koch stoisch in seinen Töpfen herum, das herrliche Wort „Korianderschmand“ macht die Runde, da fühlt sich auch der analog gestimmte Besucher wie zu Hause.

Nebenan stapft Bernd, das Brot, durch die Gänge, muffig wie stets, vermutlich sieht er ein, dass er trotz Zwangsgebühr niemals so viel Einkommen erreichen wird wie Stephan Marquardt, Alfons Schuhbeck oder Mario Kotaska, die zum Inventar dieser Ausstellung gehören wie Steckdose und Lautsprecher. Man erkennt sie daran, dass sie ständig nervös auf irgendwelchen Sensorfeldern herumwischen, die sie in ihrer Profiküche nicht mal vom Hörensagen kennen

Aber Köche bringen es, das wissen alle Aussteller, und deshalb wirkt die Firma „Nilox Sport Technology“ auch so aus der Zeit gefallen mit einer Schönen im Bikini, die in einem Whirlpool Platz nimmt, um mit einem wasserdicht verpackten MP3-Player Musik zu hören. Wen interessiert das? Die Frau hat ja nicht mal einen HDMI–Anschluss! Da ist der lasergeführte Bart-Trimmer von Philips interessanter, allerdings bleibt der Nutzen des Rotlichts unklar, es verschmort die Barthaare offensichtlich nicht unmittelbar. Aus den Tiefen der Historie taucht sodann der Name „Grundig“ wieder auf, und zwar auch auf Mixern, Trocknern und Lockenstäben, wenn das der alte Max Grundig wüsste. Ihn kann niemand mehr fragen, aber wenn ohnehin alles zusammenwächst, warum dann nicht auch weiße und braune Ware? Allerdings ist der Kühlschrank, der uns Einkaufslisten aufs Handy schickt, schon seit zehn Jahren bekannt, wird aber von niemandem genutzt. Und wo bleibt das Dampfbügeleisen, das auch Espresso brüht? Manch guter Entwicklungsansatz versandet sicher im Datennirvana:„Better living tomorrow with the cloud“ verspricht uns ein Hersteller, was angesichts der ständigen Geheimdienstenthüllungen ein wenig naiv klingt. Ein besseres Leben mit den Daten in der Speicherwolke? Immerhin könnte man dann jederzeit die CIA nach dem Rezept für Korianderschmand fragen.

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