Berlin : Diesmal ohne Ruck

Vor allem die Diplomaten lauschten der Berliner Rede des Bundespräsidenten im Maxim-Gorki-Theater, bei der er sich Anekdoten versagte

Elisabeth Binder

Normalerweise sind es nur die Journalisten, die bei großen Reden einen kleinen Block im Schoß bereit halten, um sich Notizen zu machen. Bei der mit Spannung erwarteten Berliner Rede des Bundespräsidenten, saßen gestern morgen aber auch etliche Diplomaten mit gespitzten Stiften im Zuschauerraum des Maxim-Gorki-Theaters, schließlich sollte es um „Deutschlands Verantwortung in der Welt“ gehen. Der russische Sitznachbar machte kein Hehl daraus, dass dies für ihn ein hochinteressantes Thema ist.

Pünktlich um elf Uhr betrat Rau zusammen mit Ehefrau Christina und dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit den Saal. Wenn man hört, mit welcher Achtung gerade auch amerikanische Diplomaten vom Bundespräsidenten reden, könnte man es fast schade finden, dass es nach diesem Amt keinen Weg zurück in die Politik gibt. Aber Ziel der Berliner Rede ist es ja gerade, abzuheben von den alltäglichen Hickhackereien um Detailfragen und oft überflüssigen Zuspitzungen und stattdessen eine ruhige, unaufgeregte Tonlage für die Behandlung übergreifender Themen zu setzen. Das wollten sich weder der französische Botschafter Claude Martin noch sein israelischer Kollege Shimon Stein entgehen lassen, und die vielen gierigen Kameras schon gar nicht. Auch Staatsministerin Kerstin Müller und Heinz Dürr, der Aufsichtsratsvorsitzende der „Partner für Berlin“, waren gekommen. Auf deren Initiative war die Berliner Rede 1997 ins Leben gerufen worden. Sie erinnert an den 27. April 1920, als die preußische Landesversammlung beschloss, Berlin in seinen Grenzen zu erweitern. Den Anfang machte Roman Herzogs Ruck-Rede im Hotel Adlon, in den Folgejahren traten dort auch der frühere finnische Präsident Martti Ahtisaari und Kofi Annan vors Mikrofon. Johannes Rau ging im Jahr 2000 erstmals ins Haus der Kulturen der Welt, dann in die Staatsbibliothek, ins Museum für Kommunikation und diesmal, zur siebten Berliner Rede, ins Maxim-Gorki- Theater.

Dass es kaum einen besseren Ort für nachdenkliche Bemerkungen zu Grundsatzfragen gibt, machte der Geschäftsführer der Partner für Berlin, Friedrich-Leopold von Stechow in seiner kurzen Einführung deutlich. In dem 1827 als Konzerthaus der Singakademie erbauten Gebäude gab Franz Liszt Konzerte, wurden Clara Schumann, Niccolo Paganini und Anton Rubinstein gefeiert. Hier trat Felix Mendelssohn Bartholdy auf, und Hegel und Alexander von Humboldt hielten Vorlesungen. Im Revolutionsjahr 1848 tagte die Konstituierende Preußische Versammlung in dem Saal. Seit 1952 trägt das Haus den Namen des großen russischen Dichters.

Johannes Rau ist zwar berühmt dafür, wie kein zweiter Deutscher die gute amerikanische Form der anekdotenreichen, sehr menschlichen, in Teilen improvisierten Rede zu halten, versagte sich zu diesem Anlass aber alle Kürläufe. Zum Ernst des Themas, das er weit jenseits aller politischen Kleinfeilschereien behandelte, passten einfach keine lockeren Einlagen.

Es gäbe wahrscheinlich kaum ein passenderes Instrument als eine nach Berlin benannte Rede, um das deutsch-amerikanische Verhältnis mal wieder deutlich über die (Chemie)-Probleme aktueller Handlungsträger zu erheben. Viele ehemals hier stationierte alliierte Soldaten sind in den USA zu dauerhaften Botschaftern der deutsch-amerikanischen Freundschaft geworden, im Kalten Krieg war die Stadt Schauplatz eines unvergleichlichen Zusammenhalts. Obwohl es Reden heutzutage ja anschließend auch im Internet gibt ( www.bundespraesident.de ), flogen die Stifte der Diplomaten nur so übers Papier. „Eine sehr gute Rede“, sagte der russischer Diplomat beim anschließenden Empfang mit gesponserten Fleisch-Spießen und Kindl-Bier. Detailliert wollten sich auch Kollegen aus anderen Ländern nicht äußern, dazu muss alles erstmal genau ausgewertet werden. Charmant entzog sich Shimon Stein den Fragen: „Ich kann mir doch keine Kommentare über Ihren Präsidenten erlauben.“

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