Berlin : Dieter Janz (Geb. 1920)

Herablassung macht krank, Zuwendung heilt

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Viele Menschen sind dick, viel zu dick. Nicht weil sie krank sind, sondern weil sie zu viel essen. Sie haben kein Körperbewusstsein mehr. Wer einen Fettsüchtigen behandeln will, wird folglich scheitern, wenn er ihn mit den üblichen Geboten plagt: Du musst weniger essen. Du musst dich mehr bewegen.

„Man kann sich am Beispiel der Fettsucht“, erläutert Dieter Janz in seinem letzten Buch „Nebensachen. Ansichten eines Arztes“, „gut klarmachen, was ein Arzt, wenn er tatsächlich gebeten wird zu helfen, eigentlich tun müsste. Er müsste als Erstes sagen: Wollen Sie wirklich? Das müsste die Grundfrage sein. Und meistens kommen beim Patienten dann die Zweifel.“

Erst recht, wenn der Arzt die etwas ungewöhnliche Diagnose stellt, dass der Patient an einer „Unterentwicklung des ästhetischen Bewusstseins“ leide. Da wird manch einer große Augen machen und fragen: „Was können Sie mir denn dagegen verschreiben, Herr Doktor?“ Aber der Arzt gibt nicht nach, sondern insistiert: „Legen Sie Wert darauf, gut auszusehen? Wie ist denn das bei Ihnen zu Hause? Laufen Sie da nackt herum? Vor wem genieren Sie sich, vor wem nicht? Das Genieren würde ich ansprechen, ich würde ihn auch im Genieren bestärken.“

Was Dieter Janz hier empfiehlt, tun die wenigsten Ärzte. Weil sie nicht ehrlich sind. Weil sie den Aufwand scheuen, das offene Gespräch. Dann schon lieber den Rezeptblock zücken. Leider tun das auch die wenigsten Freunde: ehrlich die Meinung sagen. Es liegt etwas im Argen im Umgang der Menschen miteinander, es liegt etwas im Argen im Umgang der Ärzte mit den Menschen.

Dieter Janz war ein sehr umgänglicher, geistesgegenwärtiger Mensch, dem es selten schwerfiel, die richtigen Worte zu finden. Sein Vater war Pfarrer gewesen, er achtete darauf, dass der Sohn sich bedachtsam ausdrückte. Worte können heilen und verdammen, das wissen Geistliche am besten. Und sie wissen auch, dass der Macht der Worte Grenzen gesetzt sind. Denn alle Fürbitten halfen nichts. Der Krieg brach aus. Der Bruder starb an der Front. Dieter Janz stand vor der Wahl: Pfarrer oder Sturzkampfflieger. Er sah die Berufswahl als Mutprobe, wählte den Mittelweg und wurde Militärarzt bei der Marine. Mit viel Glück hat er überlebt.

Dieter Janz hatte sehr viel Glück im Leben, und das Glück blieb ihm treu bis ins hohe Alter. Er war immer auf der Suche, und er traf zu jeder Zeit die richtigen Menschen. Sehr früh schon die Frau, die er sein Leben lang lieben wollte. Dann, im Studium den Neurologen Paul Vogel, dessen Umgang mit Patienten sich an den Lehren Viktor von Weizsäckers ausrichtete: Immer zuerst den Menschen in den Blick nehmen, dann den Patienten.

Dieter Janz wurde von seinem Lehrer behutsam in die klinische Arbeit eingewiesen. Er lernte Krankheitsverläufe zu lesen, zu deuten und selbst niederzuschreiben. Nicht als Aktennotiz oder Fallbeispiel. Er lernte, dass jede Lebensgeschichte auch eine Krankengeschichte ist, und jede Krankengeschichte auch von einem seelischen Leiden erzählt. Denn wer isst, ohne Hunger zu haben, wer trinkt, ohne durstig zu sein, wer Kette raucht, sich um den Verstand kifft oder ins Koma kokst, ist in körperlicher Not, aber mehr noch in seelischer. Da hilft es nicht bei der Morgenvisite en passant zu murmeln: „Wie geht es uns denn heute?“, den Türgriff schon in der Hand. Herablassung macht krank, Zuwendung heilt. Wer als Arzt dem Patienten die Aufmerksamkeit nur als Pflichtleistung in Rechnung stellt, händigt den Scharlatanen, die mit ihren Wundermittelchen schon vor der Tür warten, eine Blankovollmacht aus. Denn deren einziges Talent ist es zuzuhören.

„Das Lauschen ist eine außerordentlich bedeutsame ärztliche Handlung, auch weil sie alle möglichen Nebentöne mithört.“ Ein Schnupfen ist ein Schnupfen, sicher, aber Rückenschmerzen sind nicht immer gleich Rückenschmerzen. Meist ist die Last einfach zu groß, die der Einzelne zu tragen hat. Sie verringert sich nicht durch die großzügige Gabe von Schmerzmitteln. Viele Patienten kehren immer wieder, weil sie therapiert, aber nicht geheilt werden. Das kostet viel Geld. Geld, das für eine menschlichere Medizin besser verwendet wäre. Dieter Janz rief seinen Patienten und seinen Mitarbeitern immer wieder Weizsäckers Einsicht in Erinnerung, dass der Patient seine Krankheit nicht nur hat, sondern auch macht. Der Mensch wirkt am Krankwerden mit, und folglich kann er auch am Gesundwerden mitwirken. „Entscheidend ist, zu verstehen, dass Krankheit immer in einen lebensgeschichtlichen Zusammenhang eingebettet ist und dass die ihr zugrunde liegenden Konflikte und Spannungen verborgen sind.“ Wer sie ans Licht bringen will, muss „in die Biografie des Kranken einsteigen“, muss ihn selbst zum Sprechen bringen.

Krankheiten zwingen uns nieder, aber sie machen uns auch interessanter. Hans Castorp war ein sehr gesunder und sehr einfältiger Mensch, als er sich auf den Weg zum Zauberberg machte und der Versuchung des Andersseins erlag. Rilke liebte seine Dämonen und fürchtete nichts mehr als ihre Vertreibung, denn er war sich keineswegs sicher, ob er danach noch ein großer Dichter sein würde. Dostojewski galt vielen als Idiot, wie der Held in seinem gleichnamigen Roman, weil seine Krankheit, die Epilepsie, nur als Fluch und nicht als eine Begnadung ganz eigener Art begriffen wurde. Eine Krankheit, die ihn immer wieder vor die Frage stellte: Bleibe ich Dichter oder werde ich gesund?

Dieter Janz widmete der Epilepsie viele Jahre seines Lebens, er schrieb ein Standardwerk über ihre Erscheinungsformen, aber er blieb nie in den Grenzen seiner Forschung gefangen. In seiner neurologischen Abteilung wurde die Klinik zu einem Ort, wo es nicht nur um Patientenversorgung, sondern um Heilung ging. Er zog einen Psychologen hinzu, holte einen Soziologen ins Team, eine Seelsorgerin, er bestärkte Schwestern und Pfleger darin, dem Patienten immer zuallererst als Mensch zu begegnen. Was auch Gefahren in sich birgt. Was tun, wenn ein Patient den Arzt vereinnahmen will, und der sich ihm verweigern muss, weil er sonst anderen seine Hilfe vorenthalten würde. Und dann steht da vor dem Eingang der Klinik ein VW-Bus in Flammen, darin der Patient, der sich von niemand gesehen glaubt.

Wenn der Hilfesuchende seine Mitarbeit verweigert, ist auch der Arzt hilflos. Manche sind ins Scheitern verliebt, denen ist mit der besten Medizin nicht beizukommen. Andere lieben das Gelingen. Denen war Dieter Janz ein Vorbild. „Um Lebendes zu erforschen, muss man sich am Leben beteiligen.“ Seine Autorität als Arzt und Mensch gründete auf einer sehr gesunden Basis, er lebte, was er forderte: Absolute Aufmerksamkeit für das Gegenüber. Gemeinsam mit seiner Frau führte er ein offenes Haus, in dem die Studenten und Assistenten ein- und ausgingen, weil ihre Meinung und ihr Enthusiasmus gefordert waren.

„Der Schlüssel in der Medizin. Das Wirksame ist das Wahre“; das gilt für guten Wein ebenso wie für gute Gespräche. Und ist nebenbei auch das Geheimnis glücklichen Alterns. Denn das war eine der wenigen unausgesprochenen Fragen, der er sich gemeinsam mit seiner Frau ausgesetzt sah: Was lässt einen alt werden auf so lebendige Weise? Einfache Antwort: Er hat lieber Wein als Wasser getrunken, er hat Rosen gezüchtet und Oliven geerntet, er hat die Schriften seines geistigen Mentors Viktor von Weizsäcker herausgegeben, aber er hat auch immer wieder den Dialog mit den Jüngeren gesucht, ohne sich ihnen anzudienen oder gar deren modische Phrasen zu übernehmen.

Achtsamkeit, eine dieser Zeitgeistvokabeln. Achtsamkeit resultiert aus einer ganz einfachen Übung: Zuhören. Aufmerksam zuhören. Darin war Dieter Janz ein Virtuose. Deswegen würde er das letzte Wort in dieser Sache auch niemals sich selbst erteilen, er würde Weizsäcker als Zeugen aufrufen oder den Arzt und Philosophen Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, der schon im 16. Jahrhundert sehr klar sah, woran es in der Medizin am häufigsten mangelt und wohl immer mangeln wird: „Denn wie ich es hin und her erwäge, so finde ich nichts mehr bei den Ärzten als Unbarmherzigkeit, die dann anzeigt, dass keine Liebe zu den Kranken da ist; und wo keine Liebe ist, da ist keine Kunst.“

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