Berlin : Dieter Prange (Geb. 1961)

Es war, als würde alles immer weitergehen

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Es ist ein Film über die Zeit. Sie dehnt sich, sie kommt kaum voran, immer wartet irgendjemand. Und wenn er glaubt, das Warten keinen Moment länger aushalten zu können, passiert etwas. Dutzendfach hat Dieter „Spiel mir das Lied vom Tod“ gesehen, nie ist die Zeit ihm dabei lang geworden, es war, als würde alles immer weitergehen.

Aber dann blieb die Zeit doch stehen, am 21. Juli. Der Tag hatte gerade begonnen. Es sollte heiß werden. Dieter war einige Wochen zuvor aus dem Krankenhaus gekommen. Sie können nichts mehr tun, hatten die Ärzte gesagt. Er ging nach Hause und wartete. Alle warteten. Claudia, seine Frau, Tristan und Marius, seine Söhne. Alle wussten, dass es passieren würde, aber sie wussten nicht, wann. Dieter machte ihnen das Warten so leicht es eben ging. Er war kein leidender Kranker. Niemand sollte peinlich berührt nach Worten suchen. Am 12. Juni legte er sich auf das breite rote Sofa am Fenster zum Garten und sah das Eröffnungsspiel der Fußball-WM, sah Runde um Runde, jeden Tag ein weiteres Spiel und am 13. Juli, nach dem Finale, sagte er: „Dass ich das noch erleben darf.“

Er hatte den Onkologen immer weniger zugehört. Je deutlicher sie wurden, desto tauber stellte er sich. Er hatte gekämpft, drei Jahre lang, war arbeiten gegangen, auch während der Chemotherapien, als Elektroingenieur auf der Baustelle des BND-Gebäudes. Und auch, als alle Taubheit nichts mehr half, wollte er allein zurechtkommen, lag nicht im Spezialkrankenbett, in der unteren Etage, sondern im gemeinsamen Schlafzimmer oben und kam jeden Tag die Treppe herunter, langsam nur, aber aus eigener Kraft.

Lieder für die Trauerfeier mussten herausgesucht werden. Einen kurzen Moment dachte Claudia an das „Lied vom Tod“, die Mundharmonikamelodie aus dem Film, aber das hätte niemand ausgehalten. Die Toten Hosen spielte sie am Ende, als alle die Kapelle verließen. Dieter hatte die Band live gehört, damals, auf einem Acker bei München. Er hatte die Helden seiner Jugend in den letzten Jahren wieder hervorgeholt, Udo Lindenberg, Queen und die Scorpions, er war doch auch ein alter Niedersachse. Einer vom Land, groß geworden in Windhorst, wo der Wind tatsächlich nie aufhört zu wehen, auf einem Bauernhof, mit Feldern drumherum, mit Kühen, Schweinen und Hühnern, die er nicht ausstehen konnte. „Die scharren den ganzen Tag im Dreck.“ Sein Leben lang rührte er kein Stück Hühnerfleisch an.

Irgendwann wollte er weg vom Land, vom Wenn-das-die-Nachbarn-Sehen, wollte in die Stadt, nach Berlin. Er schrieb sich für Elektrotechnik ein und nahm, während der Semesterferien, Montagejobs überall im Land an, auch in München. Nach der Arbeit ging er tanzen, blickte über die sich schüttelnden Köpfe hinweg und sah Claudia.

Sie besuchte ihn in Berlin und zog dann ganz zu ihm. Sie hörten nicht auf zu tanzen, sie studierten, sie bekamen Tristan und Marius, sie kauften das Haus am Tegeler Forst, sie heirateten. Sagten „Ja“ mitten auf dem Wasser, auf der „Moby Dick“, und feierten mit den Freunden weiter am nächsten Tag in ihrem Garten, plauderten, lachten und drehten sich in der warmen Luft des Sommers.

Beruflich ging es voran, bis die Baubranche in eine Krise geriet. Das Ingenieurbüro, das er übernehmen sollte, musste schließen, aber Dieter meldete keine Privatinsolvenz an, dachte nicht einen Moment daran, sich zu drücken vor der Pflicht. Er lamentierte nicht, bedrückte die anderen nicht mit dem Ballast der Schulden, sondern machte weiter. Er sah seine Söhne wachsen, er fuhr Fahrrad, er fuhr mit Claudia an die Nordsee und nach Portugal. Er hörte seine alten Platten. Und als er im Krankenhaus lag und verstand, dass es nicht weitergehen würde, sagte er: „Ich möchte nicht verbrannt werden.“ Er hatte ein Bild im Kopf, ein Bild aus Jungentagen: Es war einmal im Westen. Ein Sterbender wird auf ein Floß gebettet und treibt hinaus aufs Wasser.

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