Berlin : Dieter Schöttler (Geb. 1933)

Wenn er in Urlaub fuhr, dann um Antennen zu orten.

Gregor Eisenhauer

Und wenn die Welt untergeht, irgendwann, und nur einer überlebt, irgendwo, er wird morsen, um auf sich aufmerksam zu machen, und sei es mit Knochen gegen die Felswand: Tam, tam, tatattam.

Dieter Schöttlers Tor zur Welt, das war auf einem Quadratmeter untergebracht, das war ein kleiner Schrank, in dem seine Funkanlage stand, selbst gebaut aus zusammengeklaubtem Schrott, die leistungsfähigste private Funkanlage Berlins, die sämtliche Fernsehapparate der näheren Nachbarschaft zum Erliegen brachte, wenn er sie anstellte: Didididiii, Didididiii.

Seine Frau, die er ein paar Häuser weiter kennengelernt hatte, seine fünf Kinder, sie alle konnten nicht schlafen, wenn sie nicht wussten, Papa ist am Morsen. Da war es Winter in Berlin, und er war in Südafrika, da war es Sommer in der Stadt und er morste ins kalte Kanada.

Und wenn er wirklich mal in Urlaub fuhr, dann nicht der Sehenswürdigkeiten wegen, sondern um Antennen zu orten und seine Funkerfreunde zu treffen.

Angefangen hat alles mit einem Flugzeugwrack, 1945 im Spandauer Feld, da holte er Teile der Funkanlage raus. Im Garten der Eltern kochte er Kondensatoren aus, spannte Drähte, bastelte Apparate.

Auch später noch, bis ins Alter, basteln, machen, tun; er reparierte alles, was angebracht wurde aus der Nachbarschaft, ein Haartrockner aus dem Sperrmüll, ein Toaster ausgeschlachtet und mit den Teilen die Kaffeemaschine wieder in Gang gebracht. Neues kam partout nicht ins Haus. Das Teil konnte irgendwann wieder weggeworfen werden, aber Pflicht war, erst ganz machen, einfach weil’s geht. „Jeht nich, jibs nich.“

Ob Verwandte oder Bekannte, wenn was zur Reparatur anstand, „keene Diskussion“, und wenn es zwei Tage dauerte. Neues inspizierte er erst mal: „’N CD-Spieler? Bring mit, dit Teil.“ Aufgemacht, reingeguckt, und schon wusste er, wie es ging.

Später bereute er, dass er nicht studiert hatte, der Älteste durfte, er nicht, also hat er Tischler gelernt, so viel Auswahl gab es damals nicht, Fensterbau im Akkord.

Mit 19 hat er geheiratet, „Sport mach ick nich mehr“, sagte er, nachdem er einmal böse vom Rad gestürzt war, also konzentrierte er sich voll aufs Funken.

Die Antenne im Garten war an einem Laternenmast fixiert, den er sich von der Straße geholt hatte, „Männer wie sieht’s aus, ick könnte so wat jebrauchen“, also 15 Mann hoch, die ausgemusterte Laterne gepackt und bei ihm wieder aufgerichtet: „Allet klar.“

Der eine hatte was, der andere brauchte was, so ging das, und immer stand die Tür offen bei Schotti, wiewohl das Haus so klein war, dass kaum für die sieben Zwerge Platz gewesen wäre. Bescheidenheit war Pflicht, und ihm genügte ohnehin die Funkanlage für sein Hallo ins All. Er konnte ein bisschen Englisch, Italienisch, Spanisch, er radebrechte sich so durch – ein perfekter Morser.

So kam er zur Polizei. Die Datenfernübertragung war bis zur Wende drahtlos, da brauchte man gute Telegrafisten wie ihn, alle zwölf Stunden ein neuer Code, höchste Geheimhaltungsstufe, und selbstverständlich war er auch Objekt der Ausspähung. Als sie mal durch die Zone fuhren, meinten die DDR-Grenzpolizisten mit säuerlichem Lächeln: „Gratulation Herr Schöttler, Sie sind ja befördert worden!“

Über die Interna verlor er nie ein Wort, durfte er ja auch nicht, aber er kannte sich aus in den Geheimnissen der Republik, und natürlich mit Spandau. Da wusste er alles, da fragte er auch immer nach, wenn ihm irgendwas auffiel: „Tachchen, wat machen Sie denn hier?“

Immer in Kontakt bleiben. Auch im Auto, da hatte er ebenfalls ein Funkgerät, nicht neu natürlich, umgebautes Taxifunkgerät, mit einer Wählscheibe im Drehzahlmesser und ’nem Mikrofon am Lenkrad, über ein Relais hatte er mobilen Funkverkehr, weltweit. „Jeht nich, jibs nich!“ Das galt in allen Lebenslagen.

Eine Dachantenne für 137 khz Langwelle, das war das Letzte, was er gebaut hat – aus einem alten Regenschirm. „Nu is vorbei.“ DL7HK funkt nicht mehr. Silent key. Gregor Eisenhauer

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