Berlin : Dietrich Jacob (Geb. 1922)

Sie wollten keine Rache. Nur das, was ihnen zustand. Er half ihnen dabei

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Es waren nicht „die Juden“, die von den Nazis aus Berlin vertrieben wurden, es waren die Nachbarn. Es war der Kinderarzt, von nebenan, dem man jahrelang vertraut hatte; der Ladeninhaber, der Anwalt und Notar, die Weißwarenhändlerin, bei der die Mutter auch nach dem befohlenen Boykott noch kaufte.

Es waren Geschäftsleute wie auch sein Vater einer war, der Heringsgroßhändler, ein robuster Mann, der es sich gern gut gehen ließ, während die bildungsbeflissene Mutter stolz war, dass der Sohn ins Graue Kloster gehen durfte, auf die älteste Schule Preußens, ein humanistisches Gymnasium mit musischem Schwerpunkt. Ein guter Jahrgang, Abitur 1940. Erwin Leiser, ein Klassenkamerad Dietrichs, hat einen Film über diese Klasse gedreht. „Pimpf war jeder“ – mit Ausnahme der acht jüdischen Mitschüler, die von Jahr zu Jahr heftiger schikaniert wurden, woran sich ihre Kameraden 50 Jahre später kaum mehr erinnern konnten.

Es waren nicht „die Juden“, es waren Nachbarn, Kameraden und Freunde, die nach den Novemberpogromen plötzlich unsichtbar wurden. Die Tanzpartnerin Ellen, die nicht mehr zur Schule gehen durfte. Der Geschäftsinhaber, der in seine zertrümmerte Auslage das Eiserne Kreuz legte, Zeichen seines einstigen Patriotismus.

50 000 jüdische Betriebe gab es vor dem Krieg in Berlin. Einer davon hatte seinen Stammsitz in der Brunnenstraße 185, die Gebrüder Weinberger, die größten Butterhändler Deutschlands, 2000 Angestellte, 125 Geschäfte im ganzen Land. Verraten und verkauft. Nicht von einem Tag auf den anderen, denn viele jüdische Inhaber leisteten Widerstand, vertrauten auf die Justiz. Es waren ja nicht nur „die Nazis“, die zu Räubern wurden, es waren die ehemaligen Geschäftsfreunde. Kein Judenhass trieb sie, es war Gier. Gier gespeist aus Neid. Wo es etwas zu holen gab, standen die Profiteure Schlange.

Die Schüler aus dem Grauen Kloster zogen in den Krieg, manche begeistert, alle schnell ernüchtert. Nur jeder Zweite kehrte heim. Dietrich hatte Glück. Lungendurchschuss, wieder an die Front, Blinddarmentzündung, wieder an die Front, barfuß vor den Russen geflüchtet, in russischer Gefangenschaft als arbeitsuntauglich aussortiert. Er verbrachte mehr Zeit im Lazarett als auf dem Schlachtfeld.

Er kehrte zurück nach Berlin und beendete sein Jurastudium. Er hatte keine jüdischen Verwandten, er hatte jüdische Freunde gehabt. Einige wenige von ihnen kehrten ebenfalls zurück.

Bei einem, Rechtsanwalt Cooper, dem Vater seiner ehemaligen Tanzfreundin, der Theresienstadt überlebt hatte, fand er eine erste Anstellung. Er arbeitete sich in die Gesetzgebung zur so genannten „Wiedergutmachung“ ein, wurde Sozius einer großen Anwaltskanzlei und widmete sich fortan den Menschen, die unter den Nazis alles verloren hatten.

In den Karteikästen seiner Kanzlei sind mehrere hundert, nein, nicht nur Karteikarten. Es sind mehrere hundert Schicksale jüdischer Emigranten versammelt. Viele aus den Familien der Verfolgten starben auf der Flucht, in den Vernichtungslagern, wenige retteten sich, verstreut in alle Welt. Sie wollten keine Rache. Sie wollten das, was ihnen zustand. Dietrich Jacob half ihnen dabei.

Es waren oft lange Prozesse. Einer der ersten Fälle, die er 1951 annahm, war die Rechtssache der Gebrüder Weinberger, es war zugleich sein letzter Fall, denn erst 2015 wurde er abgeschlossen. Die Rechtsprechung diente durchaus den Opfern, aber das war manchmal zäh, zäh bis zynisch, vor allem wenn die Verfahrenszeit die Lebenszeit der Betroffenen überschritt. Zudem wurde die Arbeit von Kollegen nicht sehr geschätzt, Verdacht auf Nestbeschmutzung, schließlich hatten auch viele Anwälte von der Vertreibung der jüdischen Kollegen profitiert. Wiedergutmachung war keine Selbstverständlichkeit in einer Zeit, als die Kinder von Widerstandskämpfern in der Schule noch als Vaterlandsverräter beschimpft wurden. Täter wie Nutznießer der Judenverfolgung hatten wenig Interesse an einer Aufarbeitung der Verbrechen. Wem wollte man da als Verfolgter vertrauen? Zu Dietrich Jacob hatten seine Klienten Vertrauen.

Er hat unglaublich geschielt, und dennoch alles in den Blick bekommen. Beharrlich nahm er sich der Fälle an, und meist wurden die Mandanten zu Freunden. Es waren nicht die Schrecken, die sofort Thema wurden, es wurde viel geschwiegen, verschwiegen, aus Selbstschutz. Alles, nur nicht über Auschwitz reden. Ein langärmliges Hemd tragen, damit die Häftlingsnummer nicht zu sehen war. Die Inventarisierung dessen, was gestohlen worden war, kostete alle Beteiligten viel Kraft. An den Dingen hafteten keine Preisschilder, sondern Erinnerungen.

Dietrich Jacob lebte für seinen Beruf, was den konsequenten Verzicht auf ablenkende sportliche Tätigkeiten einschloss. Er ging gern auf Reisen, er aß und er trank gern. Er liebte alles am Leben, vor allem seine Arbeit.

Auf die Frage „Was haben Sie beruflich gemacht?“, antworte er bis zuletzt mit freundlicher Betonung seiner Präsenz: „Ich bin Anwalt.“ Bis zum letzten Atemzug, dem allerletzten, denn er wollte das Leben nicht aufgeben: „Ich will weitermachen …“ Zäh war er, ein Kämpfer war er, oder, wie es ein Freund und Kollege aus New York formulierte: „He was a Mensch.“

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