Berlin : Dietrich Knothe Geb. 1929: Der musikalische Schatzgräber liebte das Unerhörte

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So schnurgerade, wie sich Dietrich Knothe in der Staatsoper und im Schauspielhaus mit raschem Schritt und leicht angespanntem Gesichtsausdruck den Weg zum Dirigentenpult bahnte, so geradlinig, klar und straff präsentierte er seine Interpretation mit der Berliner Singakademie und dem Rundfunkchor Berlin. Sie lebten von viel Stilgefühl, Drive, und einer überspringenden Spontaneität. Da Knothes Aufführungen der alten wie der modernen Chormusik stets von Grund auf neu erarbeitet, klanglich entschlackt und auch musikwissenschaftlich erhellt wurden, wirkten sie sehr gegenwartsnah. Und da er, wie er selbst einmal sagte, immer sehr neugierig auf das Unbekannte war, überhaupt das Unerhörte liebte, hatten seine Aufführungen stets den Rang des Außergewöhnlichen.

Knothe war ein musikalischer Schatzgräber. Er hat viele Raritäten von Carl Philipp Emanuel Bach, Mendelssohn, Schubert, E.T.A. Hoffmann, oder von Fürst Anton Heinrich Radziwill zu Tage gefördert. Zeitgenossen wie Eisler, Bredemeyer, Katzer, Goldmann oder Matthus hat keiner scharfsinniger zur Aufführung gebracht als er.

Es ist heute kaum nachzuvollziehen, dass der so kluge wie mutige Ost-Berliner Chordirigent 1984 starkem politischen Druck ausgesetzt war, als er mit dem Rundfunkchor, zu dessen Chefdirigent er 1982 berufen wurde, eine Aufführung von Ernst Peppings Passionsbericht des Matthäus in der Staatsoper präsentierte. Engstirnige Kulturpolitik hat ihm zu DDR-Zeiten manche Wunde geschlagen. Ob sie wirklich verheilt waren, als er unerwartet im Alter von 71 Jahren in Berlin verstorben ist, wagen selbst die nicht zu sagen, die dem ungewöhnlichen Menschen und Künstler nahe standen.

Eine erstaunliche Leistung war es, dass Dietrich Knothe mit der Singakademie, dem von ihm fast 24 Jahre geleiteten Laienchor, ebenso zielstrebig und hart arbeitete wie mit dem Rundfunkchor. Es sei nicht verschwiegen, dass der originelle und eigenwillige Künstler, mit der Vorliebe für geistreich-ironische und mitunter auch sehr drastische Bemerkungen, dabei gelegentlich mit seinen unerbittlichen Anforderungen an Grenzen rührte. Er zerriss sich, wie er selbst einmal sagte, bei "qualitätsvollen Werken auch gern mal die Ohren - und den Sängern möglicherweise die Nerven".

Als nach dem Mauerfall die Existenz des Berliner Rundfunkchores auf dem Spiel stand, kämpfte er unermüdlich. Erst als er sicher war, dass der Chor weiter bestehen würde, trat er 1993 in den Ruhestand. Ein Herzenswunsch wurde ihm nicht erfüllt: das Zusammenwachsen der beiden Berliner Singakademien.

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