Berlin : Dietrich Rußmann (Geb. 1920)

Die Fracht der MS Neusalz: Dinge, die die Inselstadt zum Aufbau brauchte.

Judka Strittmatter

Der Sohn eines Schiffers wird wieder Schiffer. Manchmal über Umwege, aber er wird. So war das noch zu Zeiten Dietrich Rußmanns. Auch wenn der Vater schon recht früh vom Wasser ging, die Schifffahrt blieb das Thema der Familie. In der wuchs Dietrich Rußmann wohlbehütet auf, als Einzelkind und ohne finanzielle Not. In Neusalz, damals Schlesien, lernte er vor dem Krieg noch Bankkaufmann, doch, gerade 20, blieb ihm keine Zeit zum Jung- und Ausgelassensein, der Krieg nahm ihn gefangen. Als der vorbei war, nahmen ihn die Sieger mit. Vier Jahre Gefangenschaft in Tiflis, Georgien – die haben ihn nie wieder losgelassen.

Die Kinder, ein Sohn und eine Tochter, erinnern sich an einen Vater, der immer wieder davon zu erzählen anfing. Doch seltsam, es war kein hasserfüllter Blick zurück, Dietrich Rußmann sprach von warmherzigen Georgiern, die den Aufenthalt, die Not, das Darben, erst erträglich machten. Als 40 Jahre später das Parlament in Georgien brannte, zeigte er zum Fernsehschirm und sagte: An dem Haus habe ich mitgebaut!

Die Ehefrau Irene war lange vor dem Krieg schon eine gute Freundin: 1952 wurden sie ein Ehepaar und gingen drei Jahre später mit dem eigenen Schiff, der MS Neusalz, auf die Flüsse. Anfangs war die Neusalz ein Schleppkahn, mit Schiffsjungen an Bord, dann in den Sechzigern die Umrüstung, das Schiff wurde motorisiert. Die Fracht der Eheleute Rußmann: meist Steinkohle aus dem Ruhrgebiet oder Baumaterial aus dem Weserbergland. Eben Dinge, die die Inselstadt Berlin zum Aufbau brauchte. Für den Notfall auch immer an Bord: ein Koffer, darin alle Papiere, das Familiensilber.

Bald kamen Kinder, erst Wolf-Dieter, dann Ulrike. Sie erinnern sich an wildromantisches Umherschippern, an träumerische Nächte mitten in schöner Flusslandschaft, den Sternenhimmel, funkelnd wie ein Ballkleid. Doch dann begann die Schulpflicht, und im Schifferkinderheim in Minden, einer Art Internat, verbrachten sie fortan die Tage. „Wir Schifferkinder wurden als fahrendes Volk abgetan“, erinnert sich Ulrike.

Die deutsche Teilung setzte auch der Schifffahrt zu. Manchmal sprangen Kinder von einer Brücke direkt in die Ladung der MS Neusalz. Geschah so etwas nah der Grenze, drohte Höllenärger mit der DDR-Staatsmacht. „Beihilfe zur Republikflucht“, nannte man das. Wachhunde und scharfe Kontrolleure, die alles umdrehten auf den 60 Quadratmetern Schiffswohnung, gehörten zum Alltag. Abends schrieb Dietrich Rußmann Berichte, wie der Tag verlaufen war. In den Ferien stiegen die Kinder wieder zu. So ging das beinahe 20 Jahre, dann begann die zweite Hälfte des Berufslebens von Dietrich Rußmann: Er sicherte bei Siemens den Broterwerb für die Familie. Die wohnte jetzt in West-Berlin.

1997 stirbt Irene. Ein Schlag für Dietrich Rußmann, er hat sie bis zu ihrem Tod gepflegt. Und er gibt nun seinen Enkeln das, was seine Kinder früher nicht haben konnten – viel Zeit und viel Geduld. Konnte er bei der Geburt von Sohn Wolf-Dieter erst nach vier Wochen Frau und Kind sehen, stand er bei seinen späten Enkelkindern umgehend am Wochenbett. Heißt es am Telefon: Du, Vater, kannste mal ... ? Er kann immer.

Seine Krankheit, ein Blutkrebs, treibt ihn die letzten Jahre seines Lebens sehr viel um. Die Arzttermine, viele anstrengend und kraftzehrend, nimmt er gewissenhaft wahr, auch das ist dieser Generation zu eigen: Sie will niemandem zur Last fallen. Am Ende ist es der Pferdesport, der Dietrich Rußmann Freude macht, auch wenn die Pferde für ihn vornehmlich im Fernsehen galoppieren. An seinem 87. Geburtstag bereits im Krankenhaus, läuft ein Reitturnier, die Familie nimmt’s als schönen Zufall. Am nächsten Morgen verlässt Kapitän Rußmann endgültig die Brücke seines Lebens, seinen letzten Gang geht er mit seinen Schiffern, der fabelhafte Pfarrer Pfistner der Berliner Schifferkirche im Westhafen und der Binnenschifferverein Spandau organisieren ihm ein gebührendes Ahoi. Judka Strittmatter

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