Berlin : Dietrich Schmidt-Hackenberg (Geb. 1925)

Bloß nicht dem Offensichtlichen trauen!

Elisa Peppel

Oberst Graf Stauffenberg wäre doch nie mit Augenklappe vor den Führer getreten! Er hätte natürlich sein Glasauge eingesetzt. Filme über den 20. Juli 1944, in denen solche Ungenauigkeiten vorkamen, waren ihm ein Gräuel. Da nahm er es ganz genau. Das Stauffenberg-Attentat war sein Thema. Er hatte eigene Ideen dazu, recherchierte jahrelang, prüfte Quellen und ließ sogar ein Modell des Kartentischs bauen, über den Hitler und seine Generale sich bei der Lagebesprechung gebeugt hatten. Er war auf der Suche nach Indizien für seine These: Stauffenberg habe Hitler gar nicht töten wollen; das Misslingen des Attentats sei geplant gewesen.

Dietrich Schmidt-Hackenberg war Soziologe, kein Historiker. Er hatte nach dem Krieg in Frankfurt bei Horkheimer und Adorno studiert, den Begründern der Kritischen Theorie. Er war ein Mann, der sich ganz auf seinen Kopf verließ. Schon als Dreijähriger hatte er erfahren, dass man dem Offensichtlichen nicht trauen soll. Dietrich schielte stark. Der Vater fuhr mit ihm zu einem Augenspezialisten nach Jena. Durch dessen Apparat konnte nur etwas erkennen, wer dreidimensional sah. Dietrich konnte das nicht, doch er wusste, was der Vater erwartete. Und er schaffte es, mittels seines Verstandes, die Einzelbilder der Augen zum richtigen Gesamtbild zusammenzusetzen. Der Vater war glücklich.

Von der Kraft seines Verstandes war er getrieben. Und es musste doch jeder einsehen, dass es in der Forschung über das Attentat vom 20. Juli einige Leerstellen gab, blinde Flecke, unbeantwortete Fragen. Dietrich schrieb ein Buch darüber, veröffentlichte es mit eigenem Einsatz und verschickte es an alle, die es interessieren könnte. Kaum jemand nahm es erst. Als eine wohlwollende Rezension in der "Zeit" erschien, schaltete sich die Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff persönlich ein - schließlich betraf es ihre Vergangenheit im Widerstand. "Absurd" nannte sie die These des Buches.
Die Fragen, die er aufgeworfen hatte, blieben unbeantwortet.

Trotzdem schrieb er weiter, wann immer er Zeit fand, immer an historischen Themen. Die Söhne kennen ihn nur am Schreibtisch sitzend, grübelnd, lesend, schreibend. Und doch war er immer für sie da, sie waren ein spätes Glück für ihn. "Kinder sind das Wichtigste", sagte er, wenn sie ihm vorwarfen, dass er vielleicht nicht mal mehr ihr Abitur erleben werde. Ein Glück, wie die späte Liebe zu Brigitte, einer Kollegin am Bundesinstitut für Berufsbildung. Jeden Donnerstag, auf dem Weg zur Personalratssitzung, führte sein Weg an ihrem Büro vorbei. Sie musste aber um seine Hand anhalten, er fand, es stehe ihm nicht zu, eine 20 Jahre jüngere Frau zu umwerben.

1959 hatte er Frankfurt den Rücken gekehrt. "Jeder Student einmal nach Berlin" hieß damals eine Initiative der Bundesregierung, die Studenten in Berlin unterstützte. Er kam, war begeistert von der Stadt und blieb. An der Freien Universität engagierte er sich in Anti-Atomkraft-Gruppen, gründete den Argument- Club und wurde Asta-Vorsitzender. Mit einer Urabstimmung verhinderte er 1963, dass der Burschenschaftler Eberhard Diepgen sein Nachfolger wurde. Den Korpsgeist wollte man nicht an der FU, man wollte den kritischen Geist.

Kritisch ist Dietrichs Geist immer geblieben. Er fragte zum Beispiel: Warum hat sich die Kirche im Dritten Reich nicht für die getauften und verheirateten Juden eingesetzt und nicht wenigstens versucht, ihre Deportation zu verhindern? Er fragte es den Dorfpfarrer und auch den Bischof. Es gab Briefwechsel. Der Bischof sagte, es würden Gedenktafeln aufgestellt. Das reichte Dietrich nicht, er wollte ein öffentliches Schuldeingeständnis. Das aber wollte der Bischof nicht. Also trat Dietrich aus der Kirche aus.

Sich selbst hat Dietrich nie sehr wichtig genommen, nicht sein Alter, nicht seine Krankheiten. Vor allem seine Kinder wollte er nicht damit belasten. Alles ist bestens, sagte er ihnen am Telefon immer wieder. Auch von der Krebs-Erkrankung ihrer Mutter erfuhren die Söhne erst, als sie schon im Krankenhaus lag. Brigittes Tod hat Dietrich aber dann doch den Lebensmut genommen. Jetzt ist er ihr gefolgt.

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