Berlin : Dietrich Weinitschke (Geb. 1920)

Mit diesem Geschenk Gottes waren seine Eltern überfordert.

Stephan Reisner

Nur selten konnte er jemandem vertrauen. Meistens blieb er auf sich allein gestellt. Schlimmer noch, es gab Menschen, die nutzten sein Geheimnis aus und ließen sich für ihr Schweigen bezahlen. Erst lockten sie ihn mit verführerischen Geschenken, dann setzten sie Fotos als Druckmittel ein: „Willst du etwa, dass deine Fliegerfreunde die sehen?“

Ein ganz normales Leben? Wie denn bei diesem Chromosomensatz? Vor hundert Jahren verkaufte man Menschen wie ihn noch an fahrende Zirkusse – zur Belustigung von Kirmesbesuchern. Damals kannte die Medizin noch keine Hormonbehandlung, und in ihren Lehrbüchern stand nichts über Intersexualität. Ob er denn lieber eine Frau geworden wäre, fragte ihn spät in seinem Leben jemand, dem er endlich vertrauen konnte. „Ich bin beides!“, antwortete er. Vom Knochenbau ein Mann, mit schönen Frauenbeinen, leichtem Brustansatz. Und mit einer zwittrigen Seele.

Als Dreijähriger säte er im elterlichen Garten Gemüse. Mit fünf pflegte er eine kleine Baumschule. Und mit zehn buk er seinen Geburtstagskuchen selbst. Die Eltern wussten, dass er etwas Besonderes war. Aber mit diesem Geschenk Gottes waren sie überfordert. Während die Brüder draußen umhertobten, zog er sich in den Keller zurück. Zwischen Kerzen und aufgespannten Stoffen las er Buch um Buch. So erlebte er die Welt, in der es für ihn keinen rechten Platz zu geben schien, aus sicherer Distanz. Er begann zu malen und zu dichten - und manchmal schlüpfte er in ein Kleid seiner Schwester. So gefiel er sich. Als die ahnungslose Großmutter dem Teenager mit einem Tanzkurs eine Freude bereiten wollte, intervenierte die Mutter: „Lass mal, Oma! Mit dem Dieter haben es die Mädchen nicht so!“

Sein Vater akzeptierte ihn erst, als er mit dem Eisernen Kreuz nach Hause kam. Achtzehn russische Jagdflieger hatte der junge Feldwebel vom Himmel geschossen. Das war nun ein Sohn nach des Vaters Geschmack: Pilot des gefürchteten Eismeergeschwaders. Nicht dieser sanfte, einfühlsame Mann, der sich in die Gärtnerei verrannt hatte und kein Interesse für das väterliche Geschäft mit den Rechen- und Büromaschinen gezeigt hatte. Nein, kaufmännische Tugenden besaß Dietrich Weinitschke nicht. Dafür war er mit einem Überschuss an Lebenswillen und Hilfsbereitschaft ausgestattet.

Zweimal wurde er bei Murmansk abgeschossen und musste notlanden. Das erste Mal wanderte er drei Tage lang durch die schneeverwehte Eishölle, rieb sich nachts die Glieder warm und verfluchte die lächerlichen Benzinkocher des Notfallpakets, die bei minus 36 Grad nicht zünden wollten. Beim zweiten Abschuss fand ihn der Feind schneller als der Freund, da wanderte er in russische Kriegsgefangenschaft. Als müsste er eine mysteriöse Schuld begleichen, versuchte er, allen die Gefangenschaft so erträglich wie möglich zu machen. Er trug Gedichte vor, zeichnete Porträts, begrünte die Flächen zwischen den Baracken und organisierte ein Kasperletheater, das, wie sich ein Mitgefangener erinnert, „in all der Trostlosigkeit ein echter Lichtblick war“. Für die Jüngsten setzte er Zusatzverpflegung durch. Dass seine mütterliche Fürsorge nicht von ungefähr kam, erkannte niemand.

Mehr als 25 Jahre lang war er mit einer vier Jahre älteren Frau verheiratet – eine Ehe als Tarnung. Wirklich wohl fühlte er sich nur bei seinen Pflanzen im Gewächshaus. Er hielt den Kontakt zu ehemaligen Weggefährten, engagierte sich im Heimkehrerverband und ging zu den monatlichen Treffen der Jagdflieger. Von sich erzählte er niemandem. Lieber gab er den Unterhalter und sang einmal mehr das „Lied von den zehn kleinen Meckerleins“, die alle nacheinander verschwinden, weil sie Goebbels nachahmen oder am Klavier Mendelsohn spielen, bis sie sich in Dachau wiedertreffen. In der Gärtnerei erfand er ein variables Belichtungssystem, das den nordisch-sommerlichen Sonnenlauf im Gewächshaus imitierte. Die Frauenkleider, Dessous und Lippenstifte verbarg er im Dunkel seines Kleiderschranks.

Seine Frau starb 1988. Und es trat eine neue Frau in sein Leben, die immerhin einen Teil seiner Rente beanspruchte, wenn sie auch nie zu ihm zog oder ihm gar den Haushalt führte. Sie hatte von seinem Schicksal erfahren und erpresste ihn. Zu schamvoll, sich zu wehren, arbeitete er bis ins hohe Alter als Gärtner weiter. Erst als er 2002 in große Not geriet und sich einer langjährigen Freundin anvertraute, wurde er die Erpresserin los. Bei der Freundin konnte er sich so geben, wie er sich fühlte. Er kochte mittags in Frauenkleidern und ging abends im Anzug zu den Verbandsfreunden.

Und er flog noch einmal: Der Pilot der gemieteten Cessna übergab ihm nach dem Start das Steuer und staunte, als der 84-jährige ehemalige Jagdflieger das Steuerhorn kräftig an sich zog und einen blitzsauberen Looping in den Himmel flog.

Einen Tag vor seinem Tod versprach ihm die Freundin, die Welt von seiner Geschichte wissen zu lassen. Stephan Reisner

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