Differenzen mit dem Berliner Gemeindevorstand : Jüdische Eltern auf Schulsuche

Beim Warnstreik der Jüdischen Schulen ging es um mehr als um die Bezahlung. Eltern und Lehrer fordern "Transparenz" statt "Diktatur". Erste Absetzbewegungen.

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Was tut sich da? Die Lage an der Heinz-Galinski-Schule ist angespannt.
Was tut sich da? Die Lage an der Heinz-Galinski-Schule ist angespannt.Foto: Kitty-Kleist-Heinrich

Unzufriedene Lehrer, entsetzte Eltern – diese Mischung kennzeichnet aktuell die Stimmung an den Schulen der Jüdischen Gemeinde. Am Donnerstag machten sich beide Gruppen Luft: Anlass war ein ganztägiger Warnstreik gegen den „tariflosen“ Zustand an den Schulen. Nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fiel an der Heinz-Galinski-Schule der Unterricht „komplett aus, während das Jüdische Gymnasium Moses Mendelssohn versuchte, einen Notdienst zu organisieren“.

Beklagt wird der "tariflose Zustand"

Es kommt nicht oft vor, dass sich Eltern mit ihren Lehrern solidarisieren, wenn Unterricht ausfällt. Genau dies ist aber aktuell der Fall, und das hat nicht nur mit dem „tariflosen Zustand“ zu tun, sondern mit der Gesamtlage. Diese Gesamtlage wird vor allem überschattet von dem Rauswurf der beiden Leiterinnen an der Heinz-Galinski-Schule: Sie waren kürzlich fristlos gekündigt worden, nachdem sie bekannt gemacht hatten, dass sie ihre Leitungsämter nicht mehr ausüben sondern nur noch als Lehrerinnen weiterarbeiten wollten. Als Grund gaben sie in einem Elternbrief „unüberbrückbare Differenzen“ mit dem Vorstandsvorsitzenden Gideon Joffe an, wie die Jüdische Allgemeine Zeitung berichtete. Der wiederum griff zur fristlosen Kündigung.

Die Grunewaldschule hat kaum Plätze frei

Seither wird die Stimmung an der Grundschule als „vergiftet“ beschrieben. Dutzende Eltern seien auf der Suche nach Ausweichschulen. Auf Anfrage bestätigte die Grunewald-Schule, dass sich eine „erhebliche“ Anzahl von Familien gemeldet hätten. Leider gebe es aber „kaum Aufnahmemöglichkeiten“, weil in den Klassen schon bis zu 28 Schülern untergebracht seien. Die Grunewald-Schule ist besonders attraktiv für die Klientel, weil sie als einzige staatliche Schule jüdischen Religionsunterricht anbietet. Auch an der Wald-Grundschule gab es bereits Anfragen von Eltern der Galinski-Schule.

Eltern fühlen sich "ausgebremst"

Auch am Moses-Mendelssohn-Gymnasium ist die Stimmung gedrückt. Elternvertreter berichteten, dass sie sich vom Vorstand „ausgebremst“ fühlten. Gute Vorhaben verliefen im Sande, weil Joffe nicht reagiere. Die Gemeinde bestritt diese Darstellung. Zu den GEW-Forderungen hieß es aus der Gemeinde, dass man wegen des jährlichen Defizits beider Schulen von 500.000 Euro keine höheren Gehälter zahlen könne, zumal über 200 der 350 Familien an der Heinz-Galinski-Schule wegen geringer Einkommen nur niedrige Beiträge zahlten. Der Mindestbeitrag liegt demnach bei 33 Euro im Monat – Geschwisterkinder zahlen noch weniger. Die GEW schließt weitere Streiks nicht aus, wenn der Vorstand sich nicht bewegt, wie Tarifexperte Udo Mertens ankündigte.

Erzieherinnen übernehmen Unterricht

Beim GEW-Streikfrühstück mit rund 30 Lehrern und Eltern war aber zu merken, dass es um mehr geht als um’s Geld. Lehrer berichteten von Verträgen, in denen nicht einmal stehe, in welcher Funktion man beschäftigt werde; das diene der „Flexibilität“ der Gemeinde. Nachdem schon etliche Lehrer von sich aus gekündigt hätten, herrsche Personalmangel, sodass vermehrt Erzieher unterrichten müssten. Manche überlegten, ob es nicht besser wäre, selbst eine jüdische Schule zu gründen. Als weiterer Tiefpunkt wird die Entlassung der gut eingearbeiteten Bildungsdezernentin bezeichnet.

Letztlich liefen alle Klagen auf die Person des Vorstandsvorsitzenden hinaus: "Die Gemeinde ist gespalten. Wegen einer einzigen Person", lautete die vorherrschende Meinung.

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