Digitales Regieren : Besuch bei den Piraten - Demokratie im Überfluss

Wer bei den Piraten mitmachen will, muss etwas von Technik verstehen. Siggi will mitmachen, aber schon nach wenigen Minuten sagt er: „Mir reicht’s!“ Ein Abend im Berliner Club der Piraten.

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In die Kneipe gehen und den Computer mitnehmen, so sieht der Jour fixe bei der Piratenpartei im Neuköllner Squad Kinski aus. Foto: Mike Wolff
In die Kneipe gehen und den Computer mitnehmen, so sieht der Jour fixe bei der Piratenpartei im Neuköllner Squad Kinski aus.Foto: Mike Wolff

Ich hatte mir noch mein Palästinensertuch umgebunden und bin nach Neukölln ins Squad Kinski gefahren. Wenn man von draußen durch die verstaubten Scheiben schaut, sieht man halbdunkle Räume, sperrmüllartige Sessel und überall Klaus Kinski an den Wänden, Kinski war ja vermutlich der wahnsinnigste und anarchistischste Schauspieler des 20. Jahrhunderts. Es ist ein Dienstag. Dienstags treffen sich hier die Piraten.

„Wo ist dein Computer?“, fragt ein Mann als Erstes, er sitzt ganz allein in einem der tiefen Sessel mit einer Flasche Bier.

„Braucht man denn hier einen Computer?“, frage ich vorsichtig zurück.

„Ich habe auch keinen“, antwortet der Mann und hebt sein Bier, als wollte er drauf anstoßen, obwohl ich noch gar keine Flasche in der Hand habe. „Letzte Woche“, erzählt er weiter, „da war ich auch hier, da hatten alle Computer, und da habe ich mir vorgenommen, dass ich der erste Pirat werde ohne Computer!“

Siegfried, „Siggi“, wie er sich vorstellt, kommt aus Hessen, ist um die 50 und trägt langes silbergraues Haar, er sieht ein bisschen aus wie Rainer Langhans aus der Kommune 1. Siggi hat die vergangenen zehn Jahre auf dem Land in Ungarn gelebt, bis ihm das Geld ausging, dann kam er nach Berlin. Und als die Piratenpartei im September bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus 8, 9 Prozent der Stimmen erhielt, entschied sich Siggi, Kontakt aufzunehmen und zu den Clubabenden der Piraten zu gehen, die jeden Dienstag stattfinden. „Es muss sich etwas ändern, und ich möchte mitmachen in der Politik“, erklärt er, dann geht die Tür auf, und sieben Piraten betreten das „Kinski“.

Um mich vorzubereiten, hatte ich mir im Internet einen Piratenauftritt im Berliner Abgeordnetenhaus angesehen. Da gab es in der zweiten Plenarsitzung eine „Große Anfrage“ zu den Schultrojanern und den Schülerdatenbanken, vorgetragen von dem Abgeordneten Christopher Lauer, einem jungen Mann aus dem Hunsrück, der in Berlin an der Technischen Universität studiert. Lauer hatte einen Dreitagebart und eine Wim-Wenders-Brille auf, aber seine Rede war eher eine Mischung aus Joschka Fischer und Lady Gaga.

Einmal sagte er dem Bildungssenator Zöllner, er solle ihn nicht „anpimmeln“, dann sprach er von einer Zöllner-Aussage als „ganz großem Tennis“; dann am Ende, als er wieder von Abgeordneten unterbrochen und „angepimmelt“ wurde, kritisierte er sogar die Disziplin im Preußischen Landtag, obwohl ich mittlerweile eher damit gerechnet hatte, dass zum Abschluss die Revolution ausbricht.

Beeindruckt war ich auch von der Piratenhomepage „Wiki“ und der sogenannten Liquid Democracy, „einer digitalen Revolution ohne Blutvergießen“, wie es deren Initiatoren bei der Vorstellung ihrer Liquid-Democracy-Idee im Juni 2010 verkündeten. Die repräsentative Demokratie sei am Ende und könne jetzt von der „Flüssigen Demokratie“ ersetzt werden. „Flüssige Demokratie“ mochte ich sofort, das klingt nach Bewegung, nach Veränderung. Dann las ich auf „Wiki“ noch folgende Parteiprogrammpunkte: freier Zugang zu allen Daten im Internet, freier Zugang zum Nahverkehr, Legalisierung der Suchtmittel. Das sind zumindest konkrete Ansagen, wahrscheinlich stapeln sich in den Hinterzimmern vom Kinski die Cannabis-Produkte.

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