Berlin : Diktatur der Falten

Wenn die Alten erst in der Mehrheit sind, werden sich die Jungen noch wundern

Sebastian Leber

Respekt vor dem Alter hat Julian reichlich. Zumindest, seit er mit dem Fahrrad durch die Fußgängerzone wollte. Und sich ihm eine alte Frau in den Weg stellte. Weiße Locken, liebes Großmama-Gesicht – und ein Regenschirm, mit dem sie kräftig zuschlug. Oh ja, alte Menschen können nerven. Stehen im Weg, wenn man es eilig hat. Brüllen: Die Ampel ist rot! Oder: In diesen Waggon dürfen keine Fahrräder! Noch unerträglicher sind Rentner, die sich wieder an der Uni einschreiben und während der Geschichtsvorlesung den Dozenten unterbrechen. „Das war doch ganz anders, damals an der Ostfront. Ich war schließlich dabei!“

Das alles ist nur ein kleiner Vorgeschmack. Wenn die Alten in Deutschland erst die Mehrheit stellen, haben die Jungen wohl gar nichts mehr zu melden? Brauchen sie Minderheitenschutz? Droht eine Diktatur der Falten?

Keine Angst, die Griesgrame auf der Straße, die Besserwisser im Hörsaal sind Einzelfälle. Und fallen nur deshalb auf, weil die Jüngeren – außer in der Familie – kaum Kontakt zu Älteren haben. Das sagt Hanne Schweitzer vom „Büro gegen Altersdiskriminierung“, das seit sieben Jahren als gemeinnütziger Verein für die Rechte Älterer kämpft. Ein großes Problem ist laut Schweitzer, dass Jung und Alt in getrennten Welten leben. Was in Berlin besonders gut geht: Die Orte junger Menschen sind für Alte tabu. Die Clubs, die Strandbars, die Multiplex-Kinos… Wer über 60 ist, traut sich abends kaum nach Prenzlauer Berg. Und die Jungen meiden alles, was irgendwie alt aussieht – ab 40 aufwärts. Der Arbeitskreis Berliner Senioren versucht gelegentlich, junge und alte Menschen zusammenzubringen. „Generationenbrücke“ heißt das Motto seiner Veranstaltungen. Das Problem: Es schauen meistens nur Ältere vorbei.

Hanne Schweitzer hat inzwischen eine lange Liste von Fällen gesammelt, in denen Menschen wegen ihres Alters ausgegrenzt wurden. Etwa von einem Chorleiter, der grundsätzlich nur Sänger unter 40 aufnimmt. Von einem Motorrad-Geschäft, das keine Mitarbeiter einstellt, die älter als 30 sind. Von einem Rockmusiker, der sich in Interviews darüber amüsiert, dass sich 50-Jährige auf seine Konzerte wagen. Daran wird er sich wohl gewöhnen müssen. Denn die künftigen Alten sind anders, sagt Hanne Schweitzer. Die gehen nicht zu Kaffeekränzchen, sondern zu Bob Dylan. Der ist diese Woche selbst 65 geworden. Paul McCartney und Mick Jagger sind auch schon über 60.

Wenn die Alten in Deutschland die Mehrheit stellen, werden sie in Bereiche vordringen, die bis jetzt den Jungen vorbehalten sind. Und die Jungen dürfen dann feststellen, dass Alte eigentlich die entspannteren Menschen sind. Weil sie sich nichts mehr beweisen müssen. Bei Konzerten nicht kreischen und drängeln, sondern zuhören. In Berlins Ballhäusern hat die Zukunft schon Einzug gehalten: Da tanzen Junge und Alte neben-, manchmal miteinander. Die Alten erzählen keine Weltkriegsgeschichten, und die Jungen merken, dass es funktionieren kann. Discofox als kleinster gemeinsamer Nenner.

Auch im Spandauer Seniorenclub Südpark ahnt man, wie die Zukunft aussehen könnte. Jeden Montag bringen dort Schüler Senioren bei, wie man Computer bedient. Erst kommen Tastatur und Maus dran, später Windows und Internet. Manche Senioren möchten wissen, wie das mit der Bildbearbeitung geht, erzählt Vorstand Michael Gordalla. Und dass die Alten nur aus einem Grund zu ihm kommen: „Die wollen mit ihren Enkeln mithalten.“ Manche Teilnehmer würden denn auch, ohne es zu wollen, die Sprache der Jugendlichen übernehmen. So rutscht den alten Herrschaften schon mal ein „cool“ oder „geil“ raus.

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