Dilek Kolat : "Die rechtsextreme Szene in Berlin breitet sich aus"

Die Berliner Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) beantwortet die Fragen des Tagesspiegels und seiner Leser und spricht über ihre schwierige Jugend in Neukölln, Integrationsprobleme und Thilo Sarrazin.

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Die Berliner Integrationssenatorin Dilek Kolat.
Die Berliner Integrationssenatorin Dilek Kolat.Foto: dpa

Tagesspiegel: Frau Kolat, Sie sind Tochter türkischer Eltern, haben in Deutschland die Schule besucht, studiert, und sind jetzt Senatorin. Was können Einwandererkinder von Ihnen lernen?

Kolat: Man muss sich immer anstrengen und die Initiative ergreifen. Man darf nie aufgeben, auch wenn eine Situation aussichtslos erscheint.

Wann sah es für Sie aussichtslos aus?

Ich wurde ohne Deutschkenntnisse eingeschult und bekam nur eine Hauptschulempfehlung. Aber ich kam zum Glück auf eine Gesamtschule und habe sehr von der Durchlässigkeit des Systems profitiert. Deshalb liegt mir auch die Sekundarschule so am Herzen. Ich hoffe, dass man dort auch mit schwierigen Startbedingungen durchstarten kann.

Was war besonders hilfreich?

In der Gesamtschule habe ich gespürt, dass ich Chancen habe und entdeckte mein Talent für Naturwissenschaften. Aber vor allem hatte ich Lehrer, die an mich geglaubt haben. Meine Eltern haben mich sehr unterstützt, obwohl sie selbst in Anatolien nur zwei Jahre die Grundschule besucht hatten. Ich bin die Jüngste von vier Geschwistern, die alle eine Ausbildung gemacht haben. Aber ich war die erste, die Abitur machen wollte. Das fanden die anderen gut und so wurde meine Schulbildung ein Projekt für die ganze Familie. Mein Vater sagte: Abitur ist wie ein goldener Ring.

Wo sind Sie aufgewachsen?

In Neukölln, mitten im Kiez.

In Nord-Neukölln leben heute viele arme Migrantenfamilien dicht beieinander. Kann man solche Ghettobildungen auflösen?

In allen Großstädten kommt es vor, dass Menschen, die aus einem Kulturkreis kommen, näher beieinander wohnen. Man zieht dahin, wo die Schwiegermutter wohnt und die Schwägerin, wo man das Kind mal abgeben kann. Die Bindung in den Familien ist sehr groß, das ist schön. Aber es bringt Probleme in der Grundschule mit sich, wenn der Anteil der Migranten zu groß wird. Da helfen vor allem gute pädagogische Konzepte.

Kürzlich wurde eine neue Studie über die Einstellungen von jungen Muslimen in Deutschland kontrovers diskutiert. Der Bundesinnenminister hatte sie in Auftrag gegeben. Kennen Sie die Studie?

Die Studie misst Integration daran, inwieweit sich jemand von seiner Herkunftskultur distanziert. Das ist der falsche Ansatz. Integration kann gelingen, auch wenn man sich nach wie vor in der Herkunftskultur zu Hause fühlt. Ich habe auch noch Elemente des Türkischen in mir. Aber natürlich gehört auch dazu, dass sich Einwanderer der neuen Kultur öffnen, so wie sich die Mehrheitsgesellschaft für die Neuankömmlinge und ihre Kultur öffnen muss.

Lässt sich Integration überhaupt messen?

Man kann sie an dem Grad der Teilhabe messen. Teilhabe an Bildung, an Arbeit und am gesellschaftlichen Leben.

Wie sieht es damit aus in Berlin?

In Berlin besuchen nach dem Integrationsmonitoring der Bundesländer 30 Prozent der ausländischen Schüler in der 8. Klasse das Gymnasium, in Bayern sind das nur 18 Prozent.

Das ist überraschend. In vielen Vergleichen schneidet Berlin schlechter ab als der Rest der Republik.

In Berlin haben auch 40 Prozent der Migranten eine Hochschulzugangsberechtigung. Bundesweit sind es 25 Prozent. Auch die Schulabbrecherquote ist in den vergangenen vier Jahren von 23 auf 17 Prozent zurückgegangen. Aber wir müssen auch diese Menschen noch erreichen.

Wie?

Durch Qualifikation und Perspektiven. Ich werbe bei Unternehmen, dass sie diesen Jugendlichen eine Tür öffnen, selbst wenn die Noten nicht gut sind und es auch an anderen Eignungen mangelt.

Es gibt so viele Qualifizierungsprogramme und doch bleibt ein bestimmter Prozentsatz junger Menschen arbeitslos. Müssen wir uns damit abfinden?

Wir haben in Berlin das Programm „Ausbildung in Sicht“, das eng mit Betrieben und Schulabbrechern zusammenarbeitet. Von den 2000 Jugendlichen bekommen 30 Prozent im Anschluss einen Ausbildungsplatz oder einen Job.

Was passiert mit den 70 Prozent?

Die müssen weitermachen, bis sie einen Anschluss gefunden haben. Wir dürfen diese Jugendlichen nicht aufgeben!

Vielleicht wollen sich einige Jugendliche einfach gar nicht eingliedern? Die neue Studie des Innenministers enthält durchaus Beunruhigendes: So sollen 15 Prozent der jungen Muslime mit deutschem Pass und 24 Prozent der ausländischen Muslime im Alter von 14 bis 32 Jahren streng religiös sein mit starken Abneigungen gegenüber dem Westen, Gewaltakzeptanz und ohne Integrationstendenz.

Natürlich gibt es diese Jugendlichen, die ein Problem mit der Gesellschaft haben und sich abgrenzen. Aber das ist eine extreme Minderheit. Verallgemeinerungen schaden der Integration sehr, genauso, wie wenn die Religion, der Islam für alles Negative verantwortlich gemacht wird. Ich lehne den politischen Islam auch ab. Und natürlich muss man gegen Rassismus und Antisemitismus vorgehen, auch in der muslimischen Community. Aber der Islam an sich ist eine friedliche Religion.

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