Berlin : Dimitri Karageorgoudis (Geb. 1942)

Friedlich war das „Yamas“, keine Nahkampfdiele.

Andreas Unger

Dimitri Karageorgoudis hat praktisch nie einen ausgegeben. Das muss man sich erst mal leisten können, als Wirt. Seine Gäste wussten, dass seine Herzlichkeit nichts mit dem Geschäft zu tun hatte. Dass sie sich eher in stummen Gesten zeigte. Wenn zum Beispiel einer in seiner Kneipe auftauchte, dem anzusehen war, dass es ihm nicht gut ging, dann stellte Karageorgoudis ihm eine Hühnersuppe hin. Auch wenn der gar keine bestellt hatte. Auch wenn er sie gar nicht bezahlen konnte.

Ein paar Jahre zuvor hatte ihm selbst jemand mit etwas Essen aushelfen wollen, sein Freund Xing-hu Kuo, ein Chinese aus Indonesien. Anfang der siebziger Jahre war das, sie waren politische Häftlinge in Bautzen, DDR. Sie hatten beide Hofgang, waren aber durch eine Mauer getrennt – Isolationshaft. Kuo hörte am Husten seines Freundes, dass es ihm schlecht ging, und warf ihm ein Stück Käse über die Mauer. Zum Essen und zum Zeichen: Du bist nicht allein. Ein Wärter sah das, die beiden mussten wegen illegalen Handels in den „Tigerkäfig“, eine 2,50 mal 1,50 Meter große Zelle, drei Wochen lang.

Etliche Jahre saß Dimitri Karageorgoudis in der DDR im Gefängnis. Er soll für den griechischen Geheimdienst gearbeitet haben. Die meiste Zeit saß er in Einzelhaft. Und ein paar Wochen zusammen mit Xing-hu Kuo. Sie redeten. Sie spielten Schach mit Figuren aus Brotkrumen. Sie zettelten Hunger- und Arbeitsstreiks an. Sie wurden Freunde fürs Leben. Deswegen sagt Xing-hu Kuo heute: „Der Aufenthalt in Bautzen war nicht ganz umsonst.“

Die Haft machte Karageorgoudis krank , er bekam Probleme mit der Lunge. Die 60 Gitanes, die er danach täglich rauchte, taten ein Übriges. Nach der Entlassung in den Westen machte er eine Kneipe auf, erst eine in der Kantstraße, dann das „Yamas“ am Südstern. Dort konnte er auf- und zusperren, wann er wollte. Und hatte immer Menschen um sich herum, ganz normale. Über die Zeit in Bautzen sprach er mit seinen Gästen ganz selten. Manchmal kamen ehemalige Mithäftlinge zu Besuch, dann zogen sie sich diskret zurück, um sich auszutauschen. Zeitweilig übernahm Karageorgoudis das Amt des Kassenprüfers im „Opfer- und Förderverein Bautzen-II“.

Das „Yamas“ war ein langer Schlauch, ein bisschen finster, mit Tür und Fenster zur Nordseite. Gemütlich wurde es durch seine Gäste. Die standen in Dreierreihen am Tresen, bis zu 60 Leute. „Nicht, dass hier alle übermäßig betrunken waren“, stellt Stammgast Wölfi klar. „Und wenn, dann nicht unangenehm“, schränkt Stammgast Thomas ein. Das „Yamas“ sei friedlich gewesen, keine Nahkampfdiele. Aufgemacht wurde gegen sieben Uhr abends. Dann trank Karageorgoudis einen Kaffee, rauchte eine Gitanes und wartete, bis die anderen eintrudelten: Ernst, der Rechtsanwalt, der sich in seinen Krimi versenkte, dann die Jungs vom Schachverein, die ihre Partien spielten, dann ein paar Studenten. Später kam Detlev, der die neue Ausgabe des Tagesspiegels für die Auslieferung verpackt hatte, und nach der Nachtschicht Uli, der Taxifahrer, und die Krankenschwestern vom Urban-Krankenhaus. Ganz zum Schluss die Gäste der Kneipen, die schon dicht gemacht hatten. Manchmal kamen deren Wirte auch noch mit. Das „Yamas“ war in den achtziger Jahren eine wichtige Station auf dem Kreuzberger „Trampelpfad“, einer legendären Kneipentour.

Zwischendurch legte sich Karageorgoudis manchmal schlafen; dann übernahm einer der Stammgäste das Zapfen. Wurde ein dritter Mann zum Skat oder ein vierter zum Doppelkopf gesucht, weckten sie Dimi.

Als Kuo aus Bautzen entlassen wurde, mit ruinierter Gesundheit und ohne gültigen Pass, nahm ihn Karageorgoudis auf. Später zog er in die Wohnung oberhalb des „Yamas“. Xing-hu Kuo erinnert sich: „Es hat mich beruhigt zu wissen, dass unter mir jemand wacht. Jemand, auf den ich mich verlassen konnte.“

Das waren gute Jahre, von denen im Nachhinein keiner mehr so recht sagen kann, wann sie zu Ende gingen. Es kamen weniger Gäste. Die Mauer war gefallen, die Zahl der Arbeitslosen gestiegen, und abends zog es die Leute nach Mitte und Prenzlauer Berg. Manche Kneipen zogen mit, aber für Karageorgoudis kam das nicht infrage, schon wegen der Stammgäste. Er rauchte und hustete viel, seine Träume spielten in der Bautzener Einzelhaft, und er machte weiter, solange es ging. Als er die Miete für seine Wohnung nicht mehr bezahlen konnte, zog er in ein Hinterzimmer des „Yamas“. Das war konsequent, denn die Kneipe war sein Wohnzimmer. Aber traurig war es auch.

2007 wollte sein Sohn das „Yamas“ übernehmen und daraus eine Lounge machen. Mit jüngeren Gästen und anderer Musik. Daraus wurde aber nichts.

Den vergangenen Winter wollte Dimitri Karageorgoudis ausnahmsweise in seiner griechischen Heimat verbringen. „Leben möchte ich in Berlin“, hat er mal gesagt, „begraben sein aber in Griechenland.“ So kam es. Andreas Unger

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