"Diorama": Kunst & Workshops an der Brunnenstraße : Supermarkt statt G-Center

Am Sonntag bietet „Diorama“ im „Supermarkt“ an der Brunnenstraße zum zweiten Mal Kunstschau und Workshops. Was die schlimmsten Schüler der Stadt damit zu tun haben, verrät Veranstalterin Sabrina Pützer dem Wedding-Blog.

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"Diorama"-Gründerin Sabrina Pützer baut in Workshops mit Interessierten die Urform einer Kamera.
"Diorama"-Gründerin Sabrina Pützer baut in Workshops mit Interessierten die Urform einer Kamera.Foto: privat

Gerade schläft Sabrina Pützer wirklich schlecht. Sie schlägt sich die Nächte um die Ohren, es geht nicht anders. Wenn es dunkel geworden ist, zieht es sie hinaus, die leeren Straßen hinunter, in die Schummrigkeit der Stadt, Wedding, Gesundbrunnen, bis hinunter nach Mitte. Reine Übersprungshandlung.

„Ich bin Lehrerin in Moabit“, sagt Pützer, „meine Schüler sind alle aus dem Wedding.“ Braucht sie jetzt nicht mehr großartig auszuführen, „Fack Ju Göhte“ haben ja alle gesehen. Sie mag sie ja, diese Schule hat sie sich selbst ausgesucht, aber manchmal ist es eben alles ein bisschen viel. Sabrina Pützer sagt: „Ich brauche jeden Ausgleich, den ich kriegen kann."

Gerade ist es also das Plakatieren. Jetzt nicht zum Selbstzweck, das wäre dann doch ein bisschen unnütz. Es geht schon um was. Es geht um „Diorama“. Zum zweiten Mal veranstaltet die 25-jährige Referendarin die Kombination aus Kunstmarkt und Workshops, diesen Sonntag von 12 bis 20 Uhr im „Supermarkt“ an der Brunnenstraße.

„Work & Shop“, so steht es auf den Plakaten, klar, englische Wortspiele gehen eh immer gut, bei den Künstlern, den Kreativen, zu denen auch Pützer sich zählt, den Kids aus den Problemkiezen versucht sie unter der Woche ja auch ein Kunstverständnis zu vermitteln, auch wenn die meist in Gedanken schon längst im Gesundbrunnen-Center sind, „lass G-Center treffen“, so verabredet man sich heute, mit englischem G, klingt dann wie die Abkürzung von Gangster.

„Das ist das netteste Unternehmen im Wedding“, sagt Sabrina Pützer, „gar nicht aufgesetzt, aber trotzdem voll drin.“ Sie meint da aber natürlich nicht den Einkaufsklotz am S-Bahnhof, den ihre Schüler so schätzen, sondern den „Supermarkt“, ein Stückchen die Brunnenstraße runter, der längst eine feste Anlaufstelle geworden ist, für die Kunst- und Designszene, direkt am Bahnof Voltastraße, die U8 fährt ja praktischerweise direkt nach Mitte, Kreuzberg, bis rein nach Neukölln.

In Mitte schlägt Sabrina Pützer auch ihre „Diorama“-Plakate an, klar wäre es schön, wenn all die 1.000 Leute, so viele kamen schätzungsweise im Vorjahr, auch wirklich Weddinger wären, aber realistisch ist das eher nicht. „Die Kaufkraft hier ist nicht so hoch“, sagt Pützer. „Und der Supermarkt liegt genau dazwischen.“ Zwischen Wedding und Mitte also. Zwischen Arm und Reich.

Kunstschau und Verkaufsmesse für alle: "Diorama" (Szene aus dem Jahr 2013)
Kunstschau und Verkaufsmesse für alle: "Diorama" (Szene aus dem Jahr 2013)Foto: Promo

Work & Shop also: Heißt zum einen, dass die Leute sich anschauen (und kaufen) können, was Berliner Maler, Illustratoren, Fotografen, Keramiker, so hergestellt haben. Heißt zum anderen, dass die Besucher für Unkostenbeiträge bis maximal 15 Euro selbst Hand anlegen können. Fensterradierung, Papierschöpfen, Schmuckdesign, Siebdruck, Collage – breite Auswahl. „Unsere Zielgruppe sind keine Bastel-Muttis“, sagt Sabrina Pützer, „sondern Kunst-Interessierte aus allen Bereichen.“ Sie selbst baut mit Interessierten eine Camera Obscura, die Urform der Lochkamera.

Alle sind willkommen, nur der Mainstream, der darf bitte draußen bleiben, nach alter Weddinger Sitte. Zwar suchen sich die großen Marken hier auch schon ihre Nischen, Nike an der Pankstraße, nun die Fashionweek in der bröckelnden Eishalle an der Müllerstraße. Mit denen großen Glitzermarken braucht man Sabrina Pützer gar nicht erst zu kommen. Zum Beispiel das Gallery Weekend, „das ist gar nicht meine Welt“.

Pützer verspricht: „Bei uns gibt es keine High-End-Kunst, sondern ehrliche Kunst.“ Wenn sie daran groß was verdienen wollte, müsste sie ja eh was anderes machen, letztes Jahr seien unterm Strich 50 Euro Gewinn herausgesprungen, sagt sie. Und überhaupt, sie hat doch einen Job, sie hat ihre Jungs und Mädels aus dem Wedding und aus Moabit, die Kids vom G-Center. Die Hyperaktiven. Die Klassenclowns. Die kleinen Gangster. Und, hey, die haben „Diorama“ doch erst möglich gemacht.

DIORAMA: Markt & Workshops. Sonntag, 18. Mai 2014, 11-19 Uhr, Supermarkt, Brunnenstraße 64 (U8 Voltastraße), Eintritt frei (Workshops zwischen 0 und 15 Euro).

Alle Infos unter: www.diorama-berlin.com
Dieser Artikel erscheint im Wedding-Blog, dem hyperlokalen Online-Magazin des Tagesspiegel.

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